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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Naturforschuug - Naturheilkunde
statt. Von den Veröffentlichungen der Gesellschaft
bestehen das Tageblatt, die wissenschaftlichen Ver-
handlungen sowie die Berichte des Vorstandes. -
Vgl. Geschäftsbericht des Vorstandes der Gesellschaft
deutfcher Naturforscher und Arzte (Lpz. 1893).
Naturforschung, ein Begriff, der im Altertum
mit dem der Naturphilosophie zusammensiel, von
dem er sich bei fortschreitender Erkenntnis der Natur
immer weiter getrennt hat. Unter den Philosopben
des Altertums sind es Aristoteles sowie Demokrit
und die seinen Grundsätzen folgenden Epikureer,
welche die gegenwärtige N. angebahnt haben, teils
durch ihr Bestreben, die Wissenschaft ganz auf Be-
obachtung und Experiment zu gründen, teils durch
ihre Verwerfung aller Erklärung aus Zweckursachen.
Einen engern Zusammenhang hat unsere N. mit
ihren Anfängen bei Demokrit beibehalten durch ihre
Atomlehre (s. Atom).
Die heutige N., die durch Herausbildung einer
verfeinerten Untersuchungstechnik gegen die For-
schung der Alten einen unermeßlichen Vorsprung
gewonnen hat, unterscheidet sich von der Natur-
philosophie dadurch, daß sie sich auf ciue möglickst
breite Grundlage von Beobachtungen und Experi-
menten (s. d.) verläßt und alle Demonstrationen
aus kosmologischen Grundsätzen und aprioristiscben
Annahmen ausschließt; ferner dadurch, daß sie sich
auf die mcchan. Erklärung aus Vewegungsurfachen,
wie Anziebung und Abstoßung, Ausdehuung und Zu-
sammenziehung , Trennung und Verbindung unter
den kleinsten Körperteilchen, beschränkt und daber
alle geistigen und moralischen Wissensgebiete aus-
schließt. Weil die heutige N. sich überall auf den
mathem. Kalkül der Mechanik zu stützen strebt, so
sind die Begriffe einer nach mathem. Methode ver-
fahrenden und einer exakten oder genauen Wissen-
schaft bei unsern Naturforschern identisch geworden.
Naturgas, das in verschiedenen Erdölbezirken
aus dem Boden ausströmende Gas, das durch
natürliche Gasentwicklung aus den unterirdischen
Petroleumlagern entsteht und an einigen Stellen
der Erde massenweise zu Tage tritt. In Amerika
bestanden im 1.1890 in den Vereinigten Staaten
804 Gesellschaften, welche diefes Gas zu verschiede-
nen Zwecken verwerteten. Das größte Auftreten von
N. findet bei Pittsburg in Pennsylvanien und in
Ohio statt; man schätzt den jährlichen Verbrauch an
N. in all diesen Distrikten auf 1290 Mill. cwn. Das
N. besteht hauptsächlich aus Methan, Athan und
Wasserstoff und eignet sich in erster Linie zu .heiz-
zwecken, wird aber auch durch Carburieren für Be-
leuchtungszwecke brauchbar. Da das N. in manchen
Bezirken, wie z. B. in Marion (Indiana), mit 20-
30 Atmosphären Druck ausströmt, so wird dort die
Expansionskraft des Gases zur Eisbereitung benutzt,
ehe es zur weitern Verwendung gebracht wird. Ein
mittlerer Gasbrunnen von täglich 46 500 odm Gas-
ausbeute kann bei 20 Atmosphären Druck täglich
50 t Eis erzeugen.
Naturgeschichte, der zusammenfassende Aus-
druck für die sog. beschreib enden Naturwissen-
schaften, d.h. die Lehre von den den Erdkörper zu-
sammensetzenden Stoffen und den darauf lebenden
Wesen. Jene bilden das unorganische, diese das or-
ganische Reich. Die unorganischen Körper bilden das
Mineralreich, die organischen Körper zwei große
Reiche, das Pflanzenreich und das Tierreich.
Mit dem Mineralreich befassen sich die Minera-
logie, die die einzelnen Mineralkörper nach ihren
Physik, und chem. Eigenschaften kennen lehrt, und
die Geognosie und Geologie, welche die Art
und Weise darstellt, wie diese verschiedenen Körper
zur Bildung der Erdrinde mitwirken. Mit dem
Pflanzenreich beschäftigt sich die Botanik, mit
dem Tierreich die Zoologie. Die Anatomie lehrt
als Zootomie die Struktur des Tier- und als
Phytotomie die des Pflanzenleibes, der einzelnen
Organe und der sie zusammensetzenden Gewebteile
kennen, als vergleichende Anatomie sucht sie
nach den übereinstimmenden und unterscheidenden
Verhältnissen im Bau der einzelnen Organe und
Organgruppen des tierischen Leibes, als mikro-
skopische Anatomie oder Histologie untersucht
sie den feinern und feinsten Bau der Organismen.
Die Embryologie, Ontogenie oder Entwick-
lungsgeschichte (s. d.) verfolgt die Entstehung der
organischen Individuen von dem Keime an bis zur
vollendeten Ausbildung. Die Paläontologie
oder Versteinerungskunde erforfcht die organischen
Körper, Pflanzen und Tiere, deren Spuren in den
Schickten der Erde gefunden werden. Ihr letztes
Ziel ist die Phylogenie oder Stammeskunde, die
Erkenntnis der Formenreihen, die sich im Laufe der
Erdgeschichte aus den Anfängen des organischen
Lebens hervorgebildet baben. Die Physiologie
macht uns mit den Funktionen des Gesamtorganis-
mus, der einzelnen Organe und Gewebteile bekannt.
Für die genannten Zweige braucht man auch in neue-
rer Zeit oft den gemeinsamen Ausdruck Biologie.
Die beschreibende N. gipfelt in der Klassifikation^ die
den Zweck hat, die näher verwandten Individuen in
größere und kleinere Gruppen (Kreise, Klassen, Ord-
nungen, Familien, Gattungen, Arten) zusammen-
zustellen und diese zu charakterisieren. Alle diese
Wissenschaftszweige werden, so weit sie den Men-
schen vorzugsweise behandeln, auch unter dem
Namen der Anthropologie zusammengefaßt.
Das Gebiet der N. ist demnach außerordentlich
umfassend, und je mehr die Kenntnisse zugenommen
haben, desto unmöglicher ist es für den Einzelnen
geworden, alle Zweige zu beherrfchen. Im Alter-
tum glänzt in ihr fast nur ein einziger umfassender
Geist, Aristoteles; Plinius war nur ein kritikloser
Kompilator. Das Mittelalter beschäftigte sich fast
nur mit Erläuterung des Aristoteles; die Renais-
sance mußte gegen die Fesseln ankämpfen, die theol.
Fanatismus der Wissenschaft anlegte. Erst von der
Mitte des 18. Jahrh, an datieren die Fortschritte,
die aus den zerstreuten Kenntnissen wahrhafte, ge-
gliederte Wissenschaften hervorgehen ließen. Die
wahren Fundamente der Wissenschaft, auf denen
alle Spätern fortbauten, legten für die Mineralogie
Hauy und Mobs; für die Geologie Werner, Leopold
von Bück und Lycll; für die Paläontologie Cuvier;
für die Botanik Linns und die beiden Iussieu; für
die Zoologie Linne, Cuvier, Geoffroy Saint-Hilaire
und Darwin; für die Entwicklungsgeschichte Karl
Ernst von Baer; für die Physiologie Harvey, Haller
und Johannes Müller.
Naturgesetz, s. Gesetz.
Naturgrenze, s. Grenze.
Naturheilkunde, ein Heilsystem, welches sämt-
liche Krankheiten nur durch diätetische Behand-
lung und die methodische Anwendung des kalten
Wassers zu heilen sucht. Unter den einseitigen
Ricktungen der Medizin hat die N. in neuerer Zeit
insofern eine hervorragende Bedeutung gewonnen,
als sie sich infolge eifriger Agitation durch Wort