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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Nibelungensage - Nicander

wert galt. Im 16. und 17. Jahrh. ist es mit wenigen Ausnahmen ganz unbekannt. Erst Bodmer gab 1757 das letzte Drittel der Handschrift C u. d. T. "Chriemhilden Rache und die Klage" in Zürich heraus, ohne Aufsehen zu erregen. Den ersten vollständigen Abdruck besorgte C. H. Myller (Berl. 1782), in dem er Bodmers Druck aus der Handschrift A ergänzte. Bekanntlich äußerte sich Friedrich d. Gr. sehr absprechend über das Gedicht, Goethe sah das ihm geschenkte Exemplar nicht einmal an; dagegen urteilte der Historiker Johannes Müller verständig darüber und Joh. Heinr. Voß las es mit seinen Schülern in Eutin.

Die Teilnahmlosigkeit hörte auf, als die Romantische Schule die Liebe für das deutsche Mittelalter, der Druck der Fremdherrschaft und die Befreiungskriege den deutschen Patriotismus neu belebten. Eine kritische Ausgabe versuchte F. H. von der Hagen (Berl. 1810; 2. Ausg. 1816) und Zeune gab den deutschen Jünglingen eine "Feld- und Zeltausgabe" (ebd. 1815) in den Krieg mit. Aber die wissenschaftliche Erforschung des Gedichts begann erst mit Karl Lachmanns epochemachender Schrift "Über die ursprüngliche Gestalt des Gedichts von der Nibelunge Not" (Berl. 1816). Durch F. A. Wolfs Homerische Forschungen angeregt, versuchte er mit feinem Stilgefühl und schärfster Methode zwanzig alte Volkslieder aus der Handschrift A auszulösen; die übrigen Strophen hielt er teils für Füllstrophen des Ordners, teils für spätere Einschiebsel. Auf diesen Ansichten beruht seine kritische Ausgabe (Berl. 1826 u. ö.), die er in seinen Anmerkungen "Zu den Nibelungen und zur Klage" (ebd. 1836) im einzelnen rechtfertigte. In seinen spätern Ausgaben unterschied er die alten und die unechten Strophen schon im Druck; die nach Lachmanns Kritik echten Lieder gab Hahn (Prag 1851) besonders heraus. Einen scharfen Angriff erfuhr Lachmanns Theorie durch Ad. Holtzmanns "Untersuchungen über das N." (Stuttg. 1854), die C für die beste Handschrift erklärten und damit über Lachmanns Einzellieder den Stab brachen; Holtzmann wurde durch Zarncke in der Schrift "Zur Nibelungenfrage" (Lpz. 1854) unterstützt. Auf Lachmanns Seite trat Müllenhoff in seiner Schrift "Zur Geschichte der Nibelunge Not" (Braunschw. 1855). Auch die dritte Handschrift fand ihren Anhänger in Bartsch ("Untersuchungen über das N.", Wien 1865); seine Ansicht hat heute auch die frühern Anhänger von C für sich gewonnen. Jedenfalls hat der Widerspruch gegen Lachmann erwiesen, daß dieser viel zu viel unternahm, als er die alten Lieder glaubte Strophe für Strophe herausschälen zu können.

Neben Lachmanns Ausgabe (nach A) sind zu nennen die von Zarncke (nach C, mit wertvoller Einleitung; 6. Aufl., Lpz. 1887; Schulausg. 1894) und von Bartsch (nach B, mit Wörterbuch, ebd. 1870-80), der auch eine Ausgabe mit erklärenden Anmerkungen lieferte (6. Aufl., ebd. 1886); Übersetzungen von Simrock (Berl. 1827 u. ö.), von Bartsch, Adalb. Schröter u. a. Die Litteratur stellte zusammen Zarncke in der Einleitung seiner Ausgabe und R. von Muth, Einleitung in das N. (Paderb. 1877); eine zusammenfassende Darstellung der wissenschaftlichen Ergebnisse versuchte Lichtenberger, Le poème et la légende des Nibelungen (Par. 1891); ein Specialwörterbuch veröffentlichte Lübben (3. Aufl., Oldenb. 1877).

Dramatisch ist der Nibelungenstoff behandelt worden von Raupach, Geibel, Hebbel, dramatisch-musikalisch von Rich. Wagner, episch von Wilh. Jordan.

Berühmt sind die Nibelungenfresken (19 Wandbilder in 5 Sälen) im Königsbau zu München, 1846-67 von Julius Schnorr von Carolsfeld gemalt.

Nibelungensage, s. Nibelungenlied.

Nibelungenstrophe, die Strophenform, in der das Nibelungenlied abgefaßt ist, besteht aus vier paarweise reimenden Langzeilen (s. Nibelungenvers), von denen die letzte in ihrem zweiten Halbvers um eine Hebung länger ist als die drei ersten. Wahrscheinlich liegt ihr die älteste german. Strophenform, die aus vier allitterierenden Langzeilen bestand, zu Grunde. Als Beispiel diene:

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ich kán iu níht beschéiden, waz síder dá geschách,

wan ríter^[i mit Akut und Zirkumflex, nicht vorhanden] únde fróuwen weínen mán dâ sách,

dar zuó die édeln knéhte, ir líeben fríunde tốt^[o mit Akut und Zirkumflex].

hie hất^[a mit Akut und Zirkumflex] daz máer ein énde: diz íst der Níbelúnge nốt^[o mit Akut und Zirkumflex].

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Außer im Nibelungenlied wurde die N. verwendet in "Alpharts Tod" und in den unter Kürenbergs Namen überlieferten Strophen. Aus spätern Änderungen der N. entstand der Hildebrandston (s. d.). - Vgl. Simrock, Die N. (Bonn 1858).

Nibelungenvers, eine stumpf ausgehende Langzeile, die durch Cäsur in zwei Kurzzeilen geteilt wird; diese Cäsur tritt meist klingend (weiblich) nach der dritten, selten stumpf nach der vierten Hebung ein; die zweite Kurzzeile hat stets drei Hebungen. Der N. entwickelte sich sehr wahrscheinlich aus der allitterierenden Langzeile (s. d.); er bildet die drei ersten Verse der Nibelungenstrophe (s. d.).

Nic., bei wissenschaftlichen Tiernamen Abkürzung für Hercule Nicolet (spr. -leh), einen franz. Naturforscher.

Nicäa, Stadt in der kleinasiat. Landschaft Bithynien, am Ascaniasee, wurde Ende des 4. Jahrh. v. Chr. von Antigonus erbaut und nach ihm ursprünglich Antigonia genannt. Erst später erhielt sie von Perdikkas den Namen seiner Gemahlin Nicäa. Sie war frühzeitig der Sitz eines christl. Bischofs und hernach eines Erzbischofs, gehörte unter den Byzantinern zum Thema Opsicium, wurde 1080 mit Hilfe der Seldschuken von Nikephoros Melissenos, 20. Juni 1097 aber von Gottfried von Bouillon erobert und dem griech. Kaisertum wieder einverleibt. Nach Begründung des Lateinischen Kaisertums in Konstantinopel gründete Theodorus Laskaris (s. d.) 1206 ein eigenes griech. Kaisertum in N., das unter seinem Nachfolger Johannes III. (s. d.) Dukas Vatatzes gewaltig an Macht gewann, bis es endlich Michael VIII. (s. d.) Paläologos 1261 gelang, der Herrschaft der Lateiner in Konstantinopel ein Ende zu machen und das Byzantinische Reich (s. d.) wiederherzustellen. Seit 1330 ist N. in der Gewalt der Türken. Gegenwärtig ist die Stadt, die den Namen Isnik führt und zum Wilajet Chodawendikjar gehört, nicht viel mehr als ein gering bevölkerter Schutthaufen, von dessen einstiger Größe nur die Stadtmauern mit ihren Türmen und Thoren, eine Wasserleitung und der sog. Palast des Theodorus zeugen. - Berühmt sind die in N. 325 und 787 abgehaltenen ökumenischen Konzile (s. Arianer, Symbolische Bücher, Bilderdienst).

N. ist auch der alte Name von Nizza (s. d.).

Nicander, griech. Arzt und Dichter, s. Nikander.

Nicander, Karl Aug., schwed. Dichter, geb. 20. März 1799 in Strengnäs, studierte in Upsala, trat 1823 in die königl. Kanzlei und starb 7. Febr. 1839. Er veröffentlichte das Trauerspiel "Runesvärdet och den förste riddaren" (1820), die gelungenste seiner Dichtungen, ferner: "Tassos död" (1826), "Konung Enzio" (1827) und "Minnen från