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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Niederdeutsche Litteratur

arten (Bd. 5, S. 28 b - 29 b), über die verschiedenen niederdeutschen Mundarten s. Bd. 5, S. 31 b - 34 a. (S. auch die Karte der Deutschen Mundarten.) Im Mittelalter war N. die Schriftsprache Norddeutschlands. Erst Luther hat der hochdeutschen Schriftsprache hier zum endgültigen Siege verholfen. (S. Deutsche Sprache, Bd. 5, S. 81 b - 82 a.) Vom 16. Jahrh. an bemühten sich die niederdeutschen Höfe, im auswärtigen Verkehr hochdeutsch zu schreiben. Seit der Mitte des 17. Jahrh. hat das N. als Litteratursprache aufgehört, um nunmehr den Rang einer deutschen Volksmundart einzunehmen, deren sich allerdings, namentlich seit Klaus Groth und Fritz Reuter, eine große Zahl von Schriftstellern bedient haben. Die niederdeutsche Sprache wird von einer großen Anzahl von örtlichen Vereinen gepflegt, auch außerhalb Niederdeutschlands, besonders in Nordamerika. Der "Verein für niederdeutsche Sprachforschung" ist der Mittelpunkt der wissenschaftlichen Erforschung niederdeutscher Sprache und Litteratur. Er giebt ein "Jahrbuch" (Bd. 1-18, Brem. und Norden 1875-94) und ein "Korrespondenzblatt" (Bd. 1-17, Hamb., Norden und Lpz. 1877-94) heraus.

Grammatische Litteratur für das ältere N. (mit Ausschluß des Niederländischen): M. Heyne, Kleine altsächs. und altniederfränk. Grammatik (Paderb. 1873); O. Behaghel und J. H.^[Johan Hendrik] Gallee, Altsächs. Grammatik (1. Hälfte: Laut- und Flexionslehre, Halle 1891); A. Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik (Lpz. 1882); K. Schiller und A. Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch (6 Bde., Brem. 1871-81); A. Lübben, Mittelniederdeutsches Handwörterbuch, vollendet von Chr. Walther (Norden 1885-88); für die modernen niederdeutschen Mundarten s. Deutsche Mundarten (Bd. 5, S. 35 b). Vgl. dazu noch E. Krüger, Übersicht der heutigen plattdeutschen Sprache (Emden 1843); Marahrens, Grammatik der plattdeutschen Sprache (Altona 1858); J.^[Julius] Wiggers, Grammatik der plattdeutschen Sprache (2. Aufl., Hamb. 1858); Ritter, Grammatik der mecklenb.-plattdeutschen Mundart (Rost. 1832); Nerger, Grammatik des mecklenb. Dialekts (Lpz. 1869); ders., Der Rostocker Dialekt (in F. und K. Eggers' "Tremsen", Bresl. 1875); Mussäus, Versuch einer plattdeutschen Sprachlehre (Neustrel. 1829); Gilow, Leitfaden zur plattdeutschen Sprache (Anklam 1868); Richey, Idioticon Hamburgense (Hamb. 1754); Müllenhoff, Glossar nebst Einleitung zu Klaus Groths "Quickborn" (in den Ausgaben von 1854-60); Mi, Wörterbuch der mecklenb.-vorpommerschen Mundart (Lpz. 1876); Danneil, Wörterbuch der altmärkisch-plattdeutschen Mundart (Salzwedel 1859). Zur Einführung in das Studium der niederdeutschen Sprache vgl. Eschenhagen, Zur plattdeutschen Sprache (Berl. 1860); Dannehl, Über die niederdeutsche Sprache und Litteratur (ebd. 1875); Anthologien s. Deutsche Mundarten.

Niederdeutsche Litteratur, die in niederdeutscher Mundart geschriebene Litteratur stand in ihren ältesten Erzeugnissen (etwa 800-900) nicht unebenbürtig neben der ihr an Ausdehnung freilich überlegenen hochdeutschen (s. Deutsche Litteratur). Ein so umfängliches allitterierendes Epos wie den Heliand (s. d.) kennt das übrige Deutschland nicht; eine epische altsächs. Behandlung der "Genesis" ist leider nur in Bruchstücken auf uns gekommen; auch das überaus wertvolle Hildebrandslied (s. d.), der einzige Rest des altdeutschen Heldensanges, war ursprünglich wohl niederdeutsch; die freilich sehr geringfügigen Überbleibsel niederdeutscher Prosa ("Kleinere altniederdeutsche Denkmäler", hg. von Heyne, 2. Aufl., Paderb. 1877; Gallée, "Altsächsische Sprachdenkmäler", Leid. 1895), meist Übersetzungen aus dem Lateinischen geistlichen Inhalts, zeigen mehr deutsches Sprachgefühl als die meisten hochdeutschen Versionen derselben Zeit. Aber unter den Ottonen, im 10. Jahrh., wird auch hier die deutsche Litteratur durch das höfische Latein zurückgedrängt.

Von da an verstummt die N. L. bis in die Mitte des 13. Jahrh. Inzwischen hatte die mittelhochdeutsche höfische Sprache und Dichtung eine solche modische Macht gewonnen, daß noch im ganzen 13. bis tief ins 14. Jahrh. diejenigen, zumal adligen Dichter niederdeutscher Herkunft, die Stoffe des Minnesanges und des höfischen oder antikisierenden Epos behandelten, sich meist nicht der heimischen, sondern der dem Hochdeutschen nahe stehenden mitteldeutschen Mundart bedienten. Mit der wachsenden Bedeutung der Hansa und damit des niederdeutschen Bürgerstandes geht freilich auch ein Steigen der mittelniederdeutschen Litteratur Hand in Hand; doch besteht sie größtenteils aus Umdichtungen aus dem Hochdeutschen und Niederländischen und entfaltet ein starkes selbständiges Leben eigentlich nur in wenigen Poesien von derb realistischem Humor, in vereinzelten Erzeugnissen inniger Lyrik und namentlich in einer Prosa, die der hochdeutschen in vielem vorangeht. An ihrer Spitze steht um 1230 Eike von Repkow mit seinem "Sachsenspiegel" (s. d.), einem ausgezeichneten Codex des echten sächs. Land- und Lehnrechts von fast unabsehbaren Wirkungen, der auch in Niederdeutschland, zumal in Hamburg und Lübeck, zahlreiche niederdeutsche Rechtsbücher hervorrief. Ebenso eröffnet die sog. "Repkowische Weltchronik" (vor 1250) die prosaische Geschichtschreibung in deutscher Sprache; früher hatte man im Süden und Norden die Geschichte nur in lat. Prosa behandelt oder in deutschen Reimpaaren, wie z. B. in der niederdeutschen Gandersheimer Reimchronik des Priesters Eberhard (1216) u. a.; Weiland hat die ältesten niederdeutschen Chroniken im 2. Bande der "Deutschen Chroniken und andern Geschichtsbücher des Mittelalters" (in den "Monumeta Germaniae historica. Scriptores, qui vernacula lingua usi sunt") gesammelt. Von Dichtungen anderer Art gehört nur noch der "Kaland" des Pfaffen Konemann aus Dingelstedt am Huy (1250, hg. von Euling im "Niederdeutschen Jahrbuch", 1893) dem 13. Jahrh. an, ein Lobgedicht auf jene religiöse Brüderschaft, die Konemann als einen Bund der Liebe und Treue rühmt. Indessen ist nicht zu bezweifeln, daß der Heldensang in unaufgeschriebenen Liedern seit ältester Zeit und noch damals zumal in den untern Kreisen fortlebte; dafür zeugt die nordische Thidrekssaga, die großenteils auf Berichten sächs. Männer aus dem 13. Jahrh. beruht, dafür zeugen trotz ihrer erheblich jüngern Überlieferung Lieder wie "Koninc Ermenrîkes dôt" (hg. von Goedeke, Hannov. 1851) und das ursprünglich wohl auch niederdeutsche jüngere Hildebrandslied, die schon durch ihre geringe Strophenzahl ein Bild von dem lebendigen Volksgesange geben.

Die sehr viel reichere N. L. des 14. und 15. Jahrh. ist überwiegend geistlich; die Legende blüht, zumal in mystischer Färbung, am Niederrhein; mehrere in Klöstern angelegte Liederbücher (das älteste die Ebstorfer Handschrift) überliefern geistliche Lieder, darunter das beliebte "Mühlenlied", die Schilderung