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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Orgelchor - Orgelspiel
bälgen. Die Anwendung der verschiedenen Mittel
war der Grund, daß die Alten zwei O. unterschie-
den: Or^Nuum pQ6uiuaticuiu und OlF^nuni 1i^-
(Ii-aulicnm. Bei beiden aber blieb die Luft der ton-
erzeugende Körper. Über diese Versuche geben In-
schriften und Bilder an Reliefs Anhaltepunkte. Erst
der Talmud entwirft ein Bild der ältesten hebr. Orgel-
werke, der Magrepha oder Maschrokita. Weit bedeu-
tender war die von Ktesibius (140 v. Chr.) erfundene
griech. Wasserorgel (ll^äraulig), die von Hero und
Vitruv beschrieben wird. Sie wurde bei den Römern
ein beliebtes Zimmcrmstrumcnt; Nero ließ sogar
eine Denkmünze mit ihrer Abbildung prägen. Die
Byzantiner kehrten zu den Trittblasebälgen wieder
zurück. Die erste Nachricht über eine O. in größerm
Umfange ist abgedruckt im "^1o88in-iuin" von Du
Cange, wo unter dem Worte "OrMnum" eine O.
von Julian dem Abtrünnigen (4. Iabrh.) beschrie-
ben ist. Eingehender schildert die O. Cassiodor
(6. Jahrh.), nach dem sie in Form eines Turms ge-
baut war. Durch Papst Vitalian (7. Jahrh.) soll
sie in der kath. Kirche eingeführt worden sein; kurz
danach wird eine großartige O. in England erwähnt.
Daß die Byzantiner als Orgelbauer berühmt waren,
beweist, daß sie 757 Pippin und später Karl d. Gr.
eine O. sandten. Deutschland baute schon im Be-
ginn des 9. Jahrh. O., z. B. in Reichenau und
St. Gallen. Später kommen O. auch in Norddeutsch-
land vor, im 11. Jahrh, in Magdeburg, Halberstadt
und Erfurt. In der Folge hat Deutschland den Or-
gelbau besonders ausgebildet und auch andere Län-
der mit O. und Orgelverbesserungen versehen. Zu-
erst war die O. noch plump, eine Taste war 1^ Elle
lang und wurde mit den Fäusten traktiert. Eine
bedeutende Verbesserung erfuhr die O. durch den
Deutschen Bernhard, der 1470 in Venedig eine O.
mit Pedal anfertigte. Die Klaviatur wurde erwei-
tert, die Tasten wurden kleiner, eine zweite Klavia-
tur angelegt, chromatische Töne eingelegt. Im 16.
Jahrb. wurde die Springlade erfunden; die Schei-
dung des Pfeifwerks fand statt; ein schönes Register
nach dem andern entstand, die Zungenstimmen wur-
den verfertigt, Hans Lobsinger erfand die Spann-
bälge und die gleichschwebende Temperatur wurde
eingeführt. Christian Förner erfand 1685 die
Wind wage, durch die es möglich wurde, den
Wind für die verschiedenen Werke zu regulieren und
die Dichte der eingeschlossenen Luft zu messen. Das
18. Jahrh, weist schon bedeutende Orgelbaumeister
auf, wie Silbermann, Theußner, Sterzina,, Herbst,
Hildebrandt, Trost, Friederici, Echröter, Trampeli.
Im 19. Jahrh, endlich wurden die Orgeltasten durch
die Kunst der Pneumatik so leicht spielbar wie die
eines Pianino; durch die Erfindung der Schweller,
des großen Crescendo - und Decrescendozugs, der
Koppeln u. s. w. wurde die O. auch für den Konzert-
saal verwendbar. Dazu kam, daß das epoche-
machende, Werk über Orgelbau von Töpfer die
ganze Orgelbaukunst neu gestaltete. Früher galt
die 1738 aufgestellte, von Chr. Müller geschaffene
O. in der Zaupttirche zu Haarlem an Umfang wie
an Ton (64 Register, 5000 Metattpfeifen) für die
erste der Welt. Großartige O. finden sich ferner
unter andern in St. Sulpice zu Paris (118 Register,
7000 Pfeifen), im Krystallpalast zu London (4568
Pfeifen), in Riga und Schwerin. Die berühmtesten
Orgelbaumeister sind gegenwärtig Walcker in Lud-
wigsburg, Ladegast in Weihenfels und Sauer in
Frankfurt a. O.
Eine ganz moderne Erfindung ist die elektrische
O., bei der durch Berührung der Tasten ein elektri-
scher Strom als Motor hervorgerufen wird. Der
Orgeltifch mit den Klaviaturen und Registerzügen
ist nur durch die elektrischen Leitungsdrähte mit dem
Orgelwerk verbunden, kann also beliebig weit von
letzterm abgerückt werden, so daß z. B. der Organist
im Schiff der Kirche am Orgeltisch sitzen kann. Doch
ist diese Erfindung noch insofern unvollkommen, als
die Ansprache der Töne nicht völlig präcis mit dem
Anschlag der Taften zusammenfällt.
Die deutfchen Orgelbauer gründeten zur Wahrung
ihrer Interessen im Febr. 1896 einen Verband mit
dem Sitz in Leipzig.
Vgl. Vedos de Celles, I/art än laetkur ä'olFU68
(3Bde., 1766-78); Antony, Geschichtliche Darstel-
lung der Entstehung und Vervollkommnung der O.
(Münster 1832); Hoplins, Iw orZan, it8 diswr^
anä coii8tructi0ii8 (Lond. 1855); Seidel, Die O.
und ihr Bau (4. Aufl., Lpz. 1887); Wangemann,
Die O., ihre Geschichte und ihr Bau (3. Aufl., ebd.
1887); Töpfer, Lehrbuch der Orgelbaukunst (2 Bde.,
Weim. 1833; 2. Aufl., bearb. von M. Allihn, 1888);
Frenzel, Die O. und ihre Meister (Dresd. 1894);
Zimmer, Die O. (2. Aufl., Quedlinb. 1896).
Orgelchor, die Empore der Kirche, auf welcher
gewöhnlich die Orgel aufgestellt ist. Im 16. und
17. Jahrh, wurde das O. gewöhnlich auf der Nord-
seite angelegt, wie z. B. im Straßburger Münster.
Da das O. auch der Platz für die Sänger ist, und
bänger wie Organist vielfach die Funktionen des
Geistlichen am Altar unterstützen, so hat man, damit
Sänger und Organist den Geistlichen besser beobach-
ten können, bei Neubauten von Kirchen die O. nur
noch an der dem Altar gegenüberliegenden West-
seite angebracht. Bei den Konzerten mit Orgel ist
der Organist gezwungen, die Bewegungen des Diri-
genten durch einen Spiegel zu beobachten. Bei den
neuen elektrischen Orgeln fällt dies weg. (S. Orgel.)
Orgelgeschütz, auch Totenorgel, Geschrei-
geschütz, eine durch Vereinigung mehrerer Gewehr-
läufe auf einem fahrbaren oder tragbaren Gestell
gebildete Schußwaffe, die in den ersten Jahrhunder-
ten nach Erfindung des Schießpulvers eine Rolle
spielte, dann vor dem Kartätschschuß verschwand, in
neuerer Zeit aber als Kartätschgeschütz in verbesser-
ter Form wieder aufgebracht worden ist. (S. Kar-
tätschgeschütze und Geschütz.)
Orgelkorallen, s. Oktaktinien.
Orgelmetall, eine Mischung von Zinn und
Blei, aus der Orgelpfeifen hergestellt werden.
Orgeln, geologische, s/Erdorgeln.
Orgelpunkt, in der Musik eine Baßstimme, die
längere Zeit liegt und ohne Rücksicht auf ihr har-
monisches Verhältnis zu der Bewegung der obern
Stimmen aus geb alten wird. Nur am Ansang und
Schluß des Abschnitts (der in übertragenem Sinne
ebenfalls O. genannt wird) muß der Baß konso-
nieren. Gewöhnlich bildet er Tonika oder Dominante,
kann jedoch auch zweistimmig diese beiden Intervalle
zusammen enthalten. Der Gebrauch des O. bildete
sich. zuerst am Schluß der Tonsätze aus und wurde
da als eine Erweiterung und nachdrückliche Form
der Kadenz betrachtet.
Orgelspiel, das kunstgerechte Spielen des Or-
ganisten auf den Manualen und dem Pedal der
Orgel. Die Manuale, gewöhnlich zwei bis drei,
seltener vier, und übereinander liegend, nämlich
Haupt-, Ober- und Nnterwerk, werden mit den Hän-