Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

635
Orgelton - Oribasius
den, das Pedal mit den Füßen gespielt. Dazu
kommt noch die Handhabung der zu beiden Seiten
der Orgelklaviaturen (seltener oben neben dem
Notenpult) befindlichen Register. Der Organist muß
während des Spielens von einem Manual zum an-
dern übergehen können. Spielt er mit den Füßen
den Baß im Pedal, mit der linken Hand aus dem
einen Manual die Begleitung, mit der rechten Hand
auf einem andern Manual die Melodie (cauws kr-
mug), so spielt er ein Orgeltrio.
Die ersten Nachrichten über Orgelspieler sind die
von den Florentinern Francesco Landino (gest. 1390)
und Antonio Sguarcialupo (gest. 1475). Über das
deutsche O. berichtet zuerst der Nürnberger Konrad
Paumann im "^uliäamLiituin orMni^näi" (1452).
Die ersten Nachrichten aus Frankreick über das O.
sind von 1540, aus England von 1550. Zu dieser
Zeit findet man in Italien auch niederländ. Orgel-
spieler, die mit Vorliebe die Form des Ricercare
(s. d.) pflegen. Später erfanden die Italiener für
die Orgel die phantastische Form der ^occkta (s. d.).
Berühmte Organisten jener Zeit sind: Willaert,
Claudio Merulo, Andrea und Giovanni Gabrieli,
Quagliati, Diruta und der größte Orgelmeister
Italiens Girolamo Frescobaldi (s. d.). In Deutsch-
land glänzte Arnold Schlick, in Holland Peter Swe-
linck (gest. 1621). Die durch Paumann ins Leben
gerufene Nürnberger Schule nahm einen bedeuten-
den Aufschwung durch Hans Leo Haßler, Erasmus
Kindermann und erlischt mit Pachelbel, während die
Wiener Schule ihre Vertreter in Jakob Froberger,
Musfat und Kaspar von Kerl hatte. Das O., eine
Zeit verflacht (1570-1020), wird wieder in kunst-
gerechte Bahnen durch den hallischen Organisten
Samuel Scheidt (gest. 1654) gelenkt durch die Her-
ausgabe seiner "'Ikdulatni-a, nova" (Hamb. 1624).
Durch sie wurde der Sinn der Organisten wieder
auf den Choral, seinen melodischen Bau und toni-
schen Ausdruck hingewiesen. Scheidt fügte seiner
Sammlung eine treffliche Abhandlung über das O.
seiner Zeit bei. Bei den vorhergehenden Meistern
bildete die harmonische Grundlage die Hauptsache.
Scheidt dagegen griff auf die strengen Formen des
einfachen und doppelten Kontrapunktes zurück,
brachte Ordnung in die Figuration, indem er die
Form der Variation wählte, während der erwähnte
Froberger das Verdienst hat, die Fugenform und den
Kanon m den Grundzügen festgestellt zu haben. Joh.
Pachelbel (1653 - 1706) führte mit großem Glück
die Entwicklung des angebahnten polyphonen Or-
gelstils weiter, indem er Themen in reichern Durch-
führungen verarbeitete und diese nach künstlerischen
Principien gruppierte. Dadurch erhielten seine
freiern Formen, Phantasien und Orgeltoccaten eine
größere und doch einheitliche Entfaltung. Auch seine
Choralsigurationen erhalten dadurch, daß er den
clmw3 Krinu8 deutlich hervortreten läßt und sich
bemüht, den Inhalt durch den Kontrapunkt näher
zu legen, eine ideale Bedeutung. Eine Reihe von
Meistern schließen sich diesen Bestrebungen an, so
Dietrich Burtehude (gest. 1707), der einen noch
gröhern Figurenreichtum in seinen Toccaten zu
Tage fördert, und Nikolaus Brühn (1666-97);
beide bahnten dem größten Orgelspieler Joh. Se-
bastian Bach (s. d.) den Weg. Durch ihn wurde das
O. auf die höchste Stufe geführt. Ferner schrieben
noch für die Orgel: Bachs Söhne, Kittel, Kirnberger,
Krebs, Homilius, Knecht, Vierung, Fischer, Umbreit,
Rink, Mendelssohn, Hesse, Schneider, Engel, Her-
zog, Volckmar und Schumann; in neuerer Zeit:
Kiel, Ritter, Haupt, Brosig, Merkel, Piutti, Flügel,
Dienel, Liszt, Guilmant. Die meisten der genannten
Orgelkomponisten waren auch tüchtige Orgelspieler.
- Vgl. Ritter, Zur Geschichte des O. im 14. bis
18. Jahrh. (2 Bde., Lpz. 1884).
Das O. hatte seine eigene Notation, die sog.
Orgel tabulatur, die in Deutschland bis ins
18. Jahrh, hinein fast ausschließlich für Orgelstücke
angewendet wurde. Sie besteht aus den deutschen
Buchstaben abcdefg, mit denen noch jetzt die
Töne benannt werden. Zu ihnen treten noch die
Zeichen sür den Takt, so daß eine solche Orgeltabu-
latur ein wenig übersichtliches Bild bietet.
Orgelton, s. Chorton.
Orgeltrio, s. Orgelspiel.
Orgien (grch.), ursprünglich Bezeichnung für re-
ligiöse Gebräuche und Gottesdienst, insbesondere
aber für geheimen Gottesdienst, und vorzugsweise
für die mit mystischen Gebräuchen und trunkener
Wildheit gefeierten Feste des Dionysos (Bacchus),
endlich in Geheimnis gehülltes Treiben überhaupt.
Noch jetzt nennt man O. ausgelassene Trinkgelage.
Über die Entstehung desOrgiasmuss. Dionysos.
Orgiva, Bezirksstadt in der span. Provinz Gra-
nada, Hauptort der westl. Alpujarras (s. d.), auf
einem Hügel im Thalbecken des Flusses O., zwischen
Weingärten, Mandel- und Feigenbäumen gelegen,
hat (1887) 4450 E. und eine schöne Pfarrkirche.
Or^ns portaäit (frz., spr. org'), s. Portativ.
Oria, Stadt im Kreis Brindisi der ital. Provinz
Lecce, an der Bahn Tarent-Brindisi des Mittel-
! meernetzes, Bischofssitz, hat (1881) 8173 E., Kathe-
drale, Paläste, mittelalterliche Burg und Tabaks-
bau. O. ist das kretische Nria (auch Hyria), die alte
Hauptstadt Iapygiens, wurde 1062 von den apu-
lischen Normannen erobert und war im 15. Jahrh,
ein Marquisat der Imperialii.
Orianda (Orejonda), auch Nrgenda, zwei
Besitzungen der russ. Kaiserfamilie im russ. Gou-
vernement Taurien, auf der Südküste der Krim,
5 km südwestlich von Ialta. Niederorianda,
mit schönem Park, botan. Garten und einem 1882
abgebrannten Schlosse, umfaßt die Ruinen einer
alten Festung. Oberorianda, auf einer 275 m
hohen Terrasse gelegen, hat ein großes Schloß in
gemischtem griech. - orient. Stil.
I Oribasius, griech. Arzt aus Pergamon oder
Sardes, geb. um 325, gest. um 400 n. Chr., war
Leibarzt des Kaisers Iulianus. Aus mediz. Werken
machte er systematische Auszüge ("8^naF0Mi") in
70 Büchern und stellte dann das Ganze wieder zu
kürzerer Übersicht in 9 Bänden zusammen. Von O.'
Hauptwerk hat sich nur eine Anzahl Bücher in griech.
! Sprache erhalten, von denen u. d. T. "N^äicinH-
> lium e0ii6ct0i'liiu lidri" die zwei ersten von Grüner
(2 Tle., Jena 1782), Buch 1-15 von Matthäi in
"^Isäicornni V6t6i'um 6t clarorum ArHSCorlim V3<>
lia 0M8onw) (Mosk. 1808), Buch 44-45 und 48
-50 von Mai in den "^.uctorum oiH83io0iuni 6
vatieanig ooäiciduL eäitorum tom. IV" (Nom 1831)
zuerst bekannt gemacht worden sind. Eine voll-
ständige Ausgabe der erhaltenen Schriften des O.
(mit Ausnahme von Buch 11-13, welche bloß
Wiederholungen aus Dioskurides enthalten), mit
franz. Übersetzung und ausgezeichneten Erläute-
rungen, ist von Bussemaker und Daremberg be-
gonnen und von Molinier zu Ende geführt wor-
den (6 Bde., Par. 1851 - 76).