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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Orient-Expreßzug; Oriente; Orientierbussole; Orientieren; Orientierungsapparate; Orientkrieg

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Oriente – Orientkrieg

Orĭente, östl. und größte Provinz von Ecuador, umfaßt die Llanos und Vorberge der Anden, d. i. etwa 200000 qkm mit 80000 E., darunter viele wilde Indianer, die Jivaro und Saparos, welche in den ungeheuren Wäldern umherziehen. Bewässert wird O. von den großen Zuflüssen des Amazonas, dem Napó (s. d.) mit dem Curaray, ferner dem Tigre, Pastaza und Morona. – O. heißt auch in Venezuela der östl. Teil des Landes, der Staat Bermudez.

Orientierbussole, s. Kompaß.

Orientieren (sich), seine Stellung in Bezug auf die Weltgegenden (zunächst nach Ost, Orient) bestimmen, im weitern Sinne soviel wie sich zurechtfinden. Einen Himmelsglobus u.s.w. orientieren heißt, demselben seine richtige Lage gegen die Weltgegenden geben.

Im christl. Kirchenbau nennt man O. das Anlegen der Kirche mit dem Chor nach Osten, wie dies im kath. Ritus vorgeschrieben ist. Es findet sich schon im 12. Jahrh. die ausdrückliche Vorschrift, daß gegen Osten gebaut werden solle. Es sind jedoch große Kirchen auch nach Nordosten orientiert, z.B. die Agia Sophia in Konstantinopel, die Dome zu Basel, Meißen, Trier u.a.m. Die ersten prot. Kirchen, z.B. die Schloßkapelle zu Torgau, sind absichtlich gegen Westen orientiert; später war man gleichgültig gegen die Lage, auch bei kath. Kirchen, während man ihr jetzt wieder erhöhte Aufmerksamkeit schenkt.

Orientierungsapparate, s. Feuerortszeiger.

Orientkrieg oder Krimkrieg, der von 1853 bis 1856 zwischen Rußland und der Türkei nebst deren Verbündeten, Frankreich und England, denen 26. Jan. 1855 auch Sardinien beitrat, geführte Krieg. Den Anlaß dazu gab die sog. Orientalische Frage (s. d.). Rußland suchte eine feste Stellung als Protektor der griech. Christen im türk. Reiche zu gewinnen, und als ein Ferman des Sultans Abd ul-Medschid 1852 zwar die Rechte der griech. Kirche auf den Besitz des Heiligen Grabes anerkannte, zugleich aber den Römisch-Katholischen erlaubte, in der Kapelle des Ölbergs Messe zu lesen, erschien Ende Febr. 1853 Fürst Menschikow als russ. Abgesandter in Konstantinopel und forderte Bürgschaft für die Rechte der griech. Kirche durch einen Vertrag, der das Protektorat Rußlands über diese, wie es im Frieden von Küčük-Kainardža 21. Juli 1774 ausgesprochen war, feststellen sollte. Dieser Vertrag wurde abgelehnt und ein russ. Ultimatum, im Vertrauen auf die Hilfe der Westmächte, deren Flotte schon 14. Juni vor Tenedos erschien, verworfen. Darauf besetzte ein russ. Korps unter Fürst Gortschakow die Donaufürstentümer, worauf die Pforte an Rußland den Krieg erklärte.

Nachdem Gortschakow die Aufforderung zur Räumung der Fürstentümer abgelehnt hatte, ließ Omer Pascha 23. Okt. ein Korps bei Calafatu über die Donau gehen. Die vereinigte Flotte der Verbündeten lief 25. Okt. 1853 in den Bosporus ein; ein türk. Geschwader wurde 30. Nov. vom russ. Admiral Nachimow im Hafen von Sinope überraschend angegriffen und vernichtet. Dies veranlaßte die Westmächte, ihre Flotten 5. Jan. 1854 in das Schwarze Meer zu senden und an Rußland ein Ultimatum zu stellen. Als Nikolaus jede Antwort verschmähte, erklärten die Verbündeten 28. März den Krieg. An der Donau hatten die Türken 6. Jan. ein günstiges Gefecht bei Tschetate bestanden. Am 23. März ↔ überschritten die Russen unter Paskewitsch die Donau an drei Punkten und rückten im April durch die Dobrudscha bis an den Trajanswall vor, konnten aber die glänzend verteidigte Festung Silistria nicht einnehmen. Österreich hatte inzwischen ein Beobachtungskorps an der Grenze Serbiens aufgestellt und Heeresmassen in Ungarn und Galizien versammelt. Dies bewog Nikolaus, die Donaufürstentümer räumen und eine versöhnliche Erklärung auf der Konferenz zu Wien abgeben zu lassen. Die Westmächte formulierten ihre Bedingungen in vier Artikeln, die Rußland als mit seiner Ehre unverträglich zurückwies. Ein franz. Heer (40000 Mann) unter Marschall Saint-Arnaud und ein englisches (15000 Mann) unter Lord Raglan hatten sich bei Gallipoli gesammelt und waren schon Ende Juni zu dem türk. Heere bei Varna gestoßen; doch hinderten die schwierige Verpflegung, der Mangel an Transportmitteln und der Ausbruch der Cholera bis Ende Juli alle Operationen. Endlich wurde die Expedition nach der Krim beschlossen, um Sewastopol zu erobern und die russ. Flotte des schwarzen Meers zu vernichten.

Am 14. Sept. 1854 landeten die Verbündeten bei Eupatoria auf der Krim, schlugen 20. Sept. die Russen unter Menschikow an der Alma und langten 28. Sept., von Canrobert und Lord Raglan geführt, vor Sewastopol (s. d.) an. Am 9. Okt. begann die eigentliche Belagerung, in deren Verlaufe Menschikow zweimal Entsatzversuche, bei Balaklawa (25.Okt.) und bei Inkerman (5. Nov.), unternahm, 9. April 1855 die Beschießung der Stadt, die 9. Sept. von den Russen, nachdem sie alles Artilleriematerial vernichtet und ihre Schiffe versenkt hatten, geräumt und 10. von den Verbündeten, die durch sardin. Hilfstruppen unter La Marmora verstärkt waren, besetzt wurde. Damit nahm der Krieg in der Krim nach einem Zuge gegen Kinburn mit einigen unbedeutenden Gefechten bei Eupatoria ein Ende. Inzwischen war auch, 2. März 1855, Nikolaus gestorben; doch setzte Alexander II. die Unternehmungen fort.

Eine engl. Flotte von 39 Schiffen mit 2000 Geschützen unter Sir Charles Napier und eine franz. Flotte unter dem Admiral Perseval-Deschènes fuhren im Frühjahr 1854 in die Ostsee, vereinigten sich 13. Juni in Sicht von Sweaborg im Barösund und richteten nun ihren Angriff gegen Bomarsund, das sich erst, als franz. Landungstruppen unter Baraguay d'Hilliers bei der Flotte eingetroffen waren, nach sechstägiger Belagerung 16. Aug. ergab. Die Truppen kehrten sogleich nach der Heimat zurück; die Flotten folgten, nachdem sie bis zum Winter die russ. Häfen blockiert hatten. 1855 übernahm Admiral Dundas das Kommando. Dieser lief im April mit 62 Schiffen aus, warf 16. Mai vor Reval Anker und ging nach Kronstadt, wo sich ein franz. Geschwader von 4 Schiffen unter Pénaud mit ihm vereinigte. Die russ. Flotte blieb aber in ihrer gesicherten Stellung, und die Verbündeten nahmen wieder ihre Station vor Reval bei der Insel Nargen, von wo die Küstenverheerung fortgesetzt wurde. Endlich trafen im Juli und Aug. 1855 die kleinern Fahrzeuge und die Reserveabteilung ein, und die Admirale griffen nun mit 75 Schiffen Sweaborg an. Die Beschießung wurde 9. Aug. eröffnet, blieb aber ohne Wirkung und wurde deshalb 11. Aug. eingestellt. Schon im September lichteten die Flotten zur Heimkehr die Anker. Ebenso fruchtlos waren kleinere Expeditionen 1854 und 1855 im Weißen und Stillen Meere verlaufen.