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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Physikus - Physiokratismus
Mitglieder (Gelebrte aus allen Teilen des Reichs)
aus die Dauer von fünf Iabren vom Kaiser berufen
werden. An Beamten sind am Institut thätig:
16 elatsmäßige wissenschaftliche Beamte, 17 Assi-
stenten und wissenschaftliche Hilfsarbeiter, 19 Mecha-
niker und Handwerker sowie mehrere Bureaubeamtc
und Hausdiener. Die erste Abteilung stcbt aucb
Privatpersonen offen, denen zur Ausführung von
wichtigen Physik. Arbeiten andere geeignete Räume
und Apparate nicht zu Gebote stehen.
Die P. R., die schon seit 1872 geplant war, kam
erst zu stände, als Werner von Siemens für diesen
Zweck ein Grundstück im Werte von ^ Mill. M.
stistete. Die wissenschaftlichen Arbeiten begannen
1887 in gemieteten Räumen in Charlottenburg;
1390 erfolgte die Übersiedelung der Abteilung I in
die neuen Gebäude auf der Marchstraße; die Abtei-
lung II befindet sich in der Technischen Hockschule, ^
um nach Fertigstellung der eigenen Räume ebenfalls
nach der Marchstratze verlegt zu werden.
Physikus (grch.), ein Kenner oder Lehrer der
Physik (Physiker), sodann ein staatlich bestellter
Arzt, der über die Gesundheitsverhältnisse eines be-
stimmten Bezirks zu wachen und in vorkommenden
Fällen den Verwaltungs- wie den Gerichtsbehörden
den nötigen Beistand zu leisten hat. Man unterscheidet
Kreis-, Stadt- und Landphysici. Zur Erlan-
gung eines Physikäts ist zuvor eine besondere
staatliche Prüfung (das Physikatseramen) zu be-
stebcn. In manchen Ländern wird der P. Bezirks-
arzt genannt. (S. Medizinalwesen.)
Physiognomie (grch.), im allgemeinen die äußere
Form und Gestalt als Abbild eines beseelten Innern,
insbesondere das menschliche Antlitz; die Kunst, aus
der P. auf die innere Seelenbeschaffenheit zu schließen,
wird als Physiognomik, auch Physiognomö-
nit bezeichnet. Wenn auch das Wort V. sich ur-
sprünglich auf die Beurteilung der Erscheinung eines
lebenden Wesens, selbst einer Gegend oder eines
Landes bezieht, so wendet man es doch meist auf die
Gesichtszüge des Menschen und solcher Tiere an, die
durck Bewegungen des Gesichts ihre Empfindungen
kundgeben können. Früher beschränkte man sich
darauf, aus verschiedenen Formen der einzelnen Ge-
sicktsteile auf die geistigen Fähigkeiten Schlüsse zu
ziehen. Auf diesem Wege wurde unter den Händen
Lavaters (s. d.) gegen Ende des 18. Jahrh, die Phy-
siognomik eine ziemlich inhaltlose Spielerei, die mit
der Phrenologie (s. d.) Hand in Hand ging. Erst
mit dem Anfange des 19. Jahrh, suchte man durch
Beobachtungen, anatom. Studien und physiol. Ver-
suche die Gesetze festzustellen, nach denen die Mus-
keln bei bestimmten Empfindungen in Bewegung ge-
setzt werden. Sir Charles Bell betrat den erstern
Weg in seiner Anatomie und Physiologie des Aus-
drucks (Lond. 1806). Duchenne in Paris stellte die
Wirkung starker elektrischer Reizung der Gesichts-
muskeln sest ("^Iöc^ni8ni6 ^6 1a pö^LioiioiniE nii"
1113.1116", Par. 1862), und in neuerer Zeit suchten
Piderit und besonders Charles Darwin ("11i6 ex-
prsszion ok 6N0tion8", Lond. 1871; deutsch von I.
V. Carus: "Der Ausdruck der Gemütsbewegungen",
4. Aufl., Stuttg. 1884) die Gesetze der Ausdrucks-
bewegungen festzustellen. Darwin führt die ganze
Mimik der Tiere und des Menschen, des Gesichts
und der Glicdmaßen, auf drei Principien zurück,
nämlich das Associationsprincip der zweckmäßigen
Gewohnheiten, das Princip der Antithese und das
Princip der im Bau des Nervensystems begründeten
Handlungen, die vom Willen und bis zu einem ge-
wissen Grade von der Gewobnbeit unabhängig sind.
Es giebt viele Bewegungen, die direkt oder indirekt
nützlich sind zur Befriedigung von Bedürfnissen
u. s. w.; sie werden wiederholt und allmählich zur
lonstanten Gewohnheit, sobald ein geistiger Zustand
eintritt, der sich auf dasselbe Bedürfnis bezieht. So
fletscht der zornige Mensch die Zähne, ballt die Fäuste
u. s. w.; er bereitet seine Angriffswaffen vor. Dem
Princip der Antithese zufolge werden bei geistigen
Zustünden, die einem andern, von bestimmten Be-
wegungen begleiteten Zustand gerade entgegengesetzt
sind, auch die entgegengesetzten Muskeln in Aktion ge-
setzt. T erHund schmiegt sich, wenn er schmeicheln will,
weil er sich streckt und steift, wenn er sich zum Kamvfe
bereitet; die Katze steift sich dagegen zum Liebkosen,
weil sie sich duckt und schmeidigt, wenn sie angreifen
will. Zu der dritten Art des seelischen Ausdrucks,
die von besondern Zuständen des Nervensystems ab-
hängt, rechnet Darwin das Zittern, Schwitzen, Er-
röten und Erblassen u. s. w. Bei allen diesen Vor-
gängen spielt die Vererbung die größte Rolle; die
meisten ausdrucksvollen Bewegungen sind ange-
boren, d. h. von den Voreltern ererbt; die Gewohn-
heit fixiert sie, und schließlich geben sie dem ganzen
Gesicht einen typischen Ausdruck, je nachdem diese
oder jene Geisteszustände die Oberhand im Leben
gewonnen haben (s. Ausdrucksbewegungen). -
Vgl. Wittich, Physiognomik und Phrenologie (Berl.
1870); Piderit, Mimik und Physiognomik (2. Aufl.,
Detm. 1886); Mantegazza, Physiognomik und
Mimik (2 Bde., Lpz. 1890); Skraup, Katechismus
der Mimik (ebd. 1892).
Über pathologische P. (Pathognomik), die
Kunst, den innern Körper- und Geisteszustand eines
Kranken aus den Veränderungen der Gesichtszüge zu
erschließen, vgl. Baumqärtner, Krankenphysiognomik
(2. Aufl., Stuttg. 1841-43; mit Atlas); Morison,
^d6 pi^zioZuoiu^ ol mental üi863.863 (Lond. 1840).
Physiokratismus (vom a.rch. pK^iZ, Natur,
und kratein, herrschen, d. i. Herrschaft der Natur)
oder physiokratisches System (auch Agri-
kultur system), die von Quesnay (s. d.) auf-
gestellte und von Du Pont de Nemours, Mercier
de la Riviöre, Mirabeau, Letrosne, Baudeau u. a.
weiter ausgebildete, auch von dem in vieler Be-
ziehung originellen Turgot angenommene volks-
wirtschaftliche Theorie, welche sich gegen die damals
herrschenden Anschauungen des Merkantilsystems
(s. d.) wandte und die Quelle des Nationalreichtums
nicht im auswärtigen Handel, sondern im Grund
und Boden und im Ackerbau suchte. Nur die Land-
wirtschaft ist nach dieser Lehre im stände, als Ge-
schenk der Natur einen Überschuß von Produkten
über den zu ihrer Erzeugung notwendigen Auf-
wand zu gewinnen; sie allein also liefert ein sog.
"xroäuit N6t", welches den Unterhalt der übrigen,
nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung möglich macht.
Nur die Landwirte bilden daher eine wirklich pro-
duktive Klasse. Neben ihnen stehen die bloßen Grund-
eigentümer, an welche die Pächter das proäuit uet
abgeben. Die aewerbe- und handeltreibende Bevöl-
kerung aber bildet die "cl3.836 Ltsrilk", weil sie keine
neuen Güter schafft, sondern nur gegebene Stoffe um-
wandelt oder in den Verkebr bringt und deren Wert
nur um den Wert der während der Verarbeitung ver-
zebrten Bodenprodukte erhöht. Übrigens soll nicht
nur die Landwirtschaft, sondern auch Industrie
und Handel nach der physiokratischen Schule, die