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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Postwesen
ins Leben: von Autissiodurum (Aurerre), als dem
Anfangspunkte, über Nevers, Limoges und Süd-
frantreich nach Spanien, serner über Autun und
Lyon nach Italien und endlich über Paris und
Aachen nach Deutschland. Auch Ludwig der Fromme
erließ noch 823 eine Verordnung, die bestimmt, daß
auf allen durch Gesetz zur Aufnahme des Kaisers
und der taiserl. Beamten verpflichteten Poststationen
stets die nötigen Vorkehrungen zu treffen seien,
Keime, aus denen später Ludwigs XI. von Frank-
reich (1461-83) Kurierposten und Eilboteneinrich-
tungen (ni5ntr68 00ul6urL) hervorgingen.
Im Orient finden stch am Ende des 7. Jahrh,
n. Chr. dic ersten Spuren regelmäßiger arab. Post-
einrichtungen, als deren Schöpfer Chalif Moäwija
(gest. 679) genannt wird. Zu jener Zeit hatte der
Islam ein Gebiet erobert, das sich vom Indus bis
nach Kairuan, von der Südspitze des Glücklichen
Arabiens bis nach Armenien erstreckte. In einem so
ausgedehnten Reiche waren Veförderungsanstalten
eine polit. Notwendigkeit. Unter Chalif Abdulmelik
(gest. 705) waren die wichtigsten Städte des Reichs
durch Poststraßen verbunden; die wichtigste war die
"heilige" Straße von Bagdad über Kufa nach Mekka.
Es gab damals 930 Poststationen, die durchschnitt-
lich 2^5 geogr. Meilen voneinander entfernt lagen.
Mit Hilfe aufgestellter Relais wurden Negierungs-
depeschen, Beamte, ja selbst Truppen schnell be-
fördert; ein Kurier legte in 24 Stunden 60 deutsche
Meilen zurück. Trotz des Zerfalls des islamit. Welt-
reichs erhielten sich die postalischen Einrichtungen
in den einzelnen Staaten, die sich aus den Trüm-
mern des Chalifenreichs erhoben; so die Kurier-
Posten des ügypt.-syr. Reichs unter Sultan Bibars
(1260-77). Ahnliche Kuriereinrichtungen bestanden
seit uralter Zeit in China und Japan; so berichtet
Marco Polo, dah von Peking aus regelmäßig Ku-
riere nach allen Teilen des Reichs ausgingen oder
dahin zurückkehrten, und daß diese Staatskurierpost
mit über 2000 Relaisstationen bereits seit dcrHan-
Dynastie (3. Jahrh. v. Chr.) bestanden habe.
Während alle diese Einrichtungen durch das Be-
dürfnis der Centralisation der Regierungsmacht be-
dingt und ausschließlich zu Staatszwecken geschaffen
waren, änderte der Charakter der Veförderungs-
anstalten für Nachrichten sich in der spätern Zeit
insofern wesentlich, als die nun ins Leben tretenden
Einrichtungen, die Votenanstalten des Mittel-
alters, durch ein mehr allgemeines Bedürfnis, zu-
nächst der .Höfe und der geistlichen Korporationen,
Universitäten, sodann aber durch die Initiative
großer Handelsgesellschaften, also der Privaten, ge-
schaffen wurden. Zuerst richteten die Abteien und
Klöster, die eines Nachrichtenaustausches mit den
geistlichen Obern, andern Ordensbrüdern u. s. w.
bedurften, einen Postdienst durch Klosterboten (meist
Klosterbrüder selbst) ein. Zur Unterbringung der
Klostcrboten an Gebirgspässen und in sonstigen
unwirtlichen Gegenden waren Mönchshospize be-
gründet. Von den Universitäten ging die Pariser
im 12. Jahrh, mit Errichtung eines Botendienstes
durch Universitätsboten (in6883.F6i-8 Franäg ot po-
tits) voran. Die Votenposten waren durch Privi-
legien der franz. Könige, Philipps IV. des Schönen
(1296) und Ludwigs X. (1315), geschützt und leiste-
ten auch Privaten gute Dienste. In einigen Ge-
genden Deutschlands hatten die Metzger, die bei
chren Ankäufen von Schlachtvieh oft weite Reisen
nötig hatten, die Aufgabe übernommen, für Ver-
mittelung des Nachrichtenverkehrs zu sorgen (Metz-
gerposten); sie bestanden in einer gewissen Or-
ganisation selbst nach Gründung der Thurn und
Tarisschen Posten, und Kaiser Rudolf II. erließ
1597 sogar ein Patent gegen die Mißbrauche der
Metzgerpost. Eine eigenartige Erscheinung, gewisser-
maßen die erste deutsche Staatspost, war das P.
des Deutschen Ritterordens. Von dem Hauptordens-
sitze, der 1274 gegründeten Marienburg, aus standen
alle Ordenskomtureien durch reitende Voten mit-
einander in Verbindung; letztere hießen Vryfsjongen,
ihr Dienstlokal Bryffstall, die Pferde Bryffwoyten.
Daneben bestand noch ein Estafettendienst durch
Wythinge (freie Grundbesitzer). Die Überbringung
eines Briefs von Marienburg nach Rom durch be-
sondere Boten kostete damals 10 M. (1 M. ^ 2 Du-
katen), wogegen die Mönche, die unterwegs freie
Zchrung hatten, für dieselbe Leistung nur 1 M. em-
pfingen. Etwa 1525 hörte diese Ordenspostanstalt
auf. In gleicher Weise hatten die Fürsten und Höfe
Votcneinrichtungen zur Beförderung ihrer Brief-
schaften hergestellt.
Neit großartiger aber als diese vereinzelten Voten-
anstalten gestaltete sich im Mittelalter das P. der
zu Macht und Reichtum gelangten Städte. Straß-
burg hatte bereits im 12. Jahrh. 24 Voten zur Ver-
fügung des Bischofs gestellt, woraus sich allmählich
die städtische Botenanstalt entwickelte. 1443 erschien
daselbst eine Dienstanweisung, "Die Löffern", d. h.
für die geschworenen Läuferboten. Ebenso bestand
in Köln seit Anfang des 14. Jahrh, eine geordnete
Votenanstalt; in Frankfurt a. M. sind Botenbücher
von 1385 vorhanden. Sehr ausgebreitet war das
Botenwcsen der Hansa, für das eine umfangreiche
Botenordnung vom I. 1580 existiert; ihre Boten-
kurse erstreckten sich von Riga über Königsberg,
Elbing, Danzig, Lübeck, Hamburg bis Köln, sodann
von Hamburg über Magdeburg, Braunschweig,
Dresden, Prag nach Wien, und über Nürnberg,
Augsburg nach Italien. Als mit dem Veitritt des
Rheinischen Städtebundes zur Hansa Nürnberg ein
Hauptstapelplatz auf der großen Heerstraße nach
Italien geworden war, schloß sich auch Leipzig an
und sandte seine Voten zu Fuß und zu Roß nach
Nürnberg, Magdeburg, Berlin, Hamburg, Dresden,
Prag und Wien.
In Frankreich hatte Ludwig XI. mittels Dekrets
vom 29. Juni 1464 eine Regierungsbotenanstcklt
(inHiti-68 coureurg unter einem Fi'lniä inaitrs) er-
richtet, deren Relais von 4 zu 4 Stationen über
das ganze Land verbreitet waren; ebenso Spanien,
zuerst unter Alfons X. (1252-84): maiiäHäei'o^
yu6 trk6u MÄnäliäsri.^ ^sr carta8 --- Voten, die
Auftrage durch Briefe besorgen, eine Einrichtung,
die Ferdinand der Katholische vervollkommnete. In
Italien war die Gesellschaft der corrieri äi Ven^ia
von Bedeutung. Nicht minder hatten die Schweiz,
England, namentlich Eduard IV., als er im Kriege
mit Schottland war (1481), sowie Heinrich VIII.,
sodann Kurfürst Albrecht von Brandenburg (1486)
und Herzog Albert zu Meißen (1464-1500), ferner
Karl V. und die Niederlande, namentlich Flandern
mit seinem blühenden Weltverkehr, ihre Postkurier-
anstalten. In Rußland wurde unter Iwan III. (1462
-1505) die Personenbeförderung (ExtraPosten) ein-
geführt, unter Michael Feodorowitsch Romanow
(1630) ein regelmäßiger Postenlauf eingerichtet und
unter Alexej (1660) eine umfassende Organisation
des P. durch den Fürsten Pojarsty mit der Errich-