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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Providenz - Provinzialfinanzen
Providönz (lat.), s. Vorsehung.
Provins (spr. -wäng). 1) Südöstlichstes Arron-
dissement im franz. Depart. Seine-et-Marne, hat
auf 1215,08 (ikm (1891) 51990 E., 5 Kautone ^
ilud 101 Gemeinden. - 2) Hauptstadt des Ar- ^
rondisfemcnts P. und früher vou Niederbric, an
der Voulzie, au der Zweiglinie Longueville-P.
(7 Ivin) der Ostbahn, besteht aus der untern, weniger !
alten und der am steilen Hügel 200 m emporsteigen- ^
den obern Stadt, ist von Mauern umgeben, hat!
(1891) 7030, als Gemeinde 8340 E., in Garnison !
das 7. Dragonerregiment, einen Gerichtshof erster !
Instanz, ein Handelsgericht, eine Ackerbautammer; '
eine eisenhaltige Mineralquelle, Baum- und be-
rühmte Nosenzucht und Handel mit Getreide, Wolle,
Kalk, lackiertem Leder u. a. Die Unterstadt enthält
die Kirche Ste. Croix aus dem 13., 15. u. 16. Jahrh.,
die got. Kirche St. Ayoul (12. bis 16. Jahrh.), den
Turm Notrc-Dame du Val, die Unterpräfektur in
einem alten Vencdiktinerkloster, das Hotel-Dieu,
teilweise aus dem 13. Jahrb., eine Wallpromenade
mit dem Denkmal der 1870/71 Gefallenen, das
Höpital Ge'ne'ral in einem Kloster aus dem 13. Jahrh,
und einen öffentlichen Garten mit der die Bibliothek
und das Museum enthaltenden Villa Garnier. In
der enggebauten Oberstadt find die alte Kirche
St. Ouiriace mit moderner Kuppel, daneben der
Donjon des 12. Jahrh., das College im ehemaligen
Palais der Grafen von Champagne u. a. - P. (lat.
I'i'uvinum) war im Mittelalter unter den Grafen
von Champagne sehr wichtig, kam 1433 an die Krone
und verfiel in den Religionskriegen.
Provinz (lat. provincia), ursprünglich nach
röm. Staatsrecht der einem Magistrat zugeteilte
Amtsbereich, namentlich auch das Kommando in
einem bestimmten Kriege. Dann wird der Begriff
übertragen auf ein Rom unterworfenes, von Rom
aus, gewöhnlich durch den erobernden Feldherrn
und eme Senatskommifsion, geordnetes (loi-m^
^i'ovineikk) und verwaltetes Land. Die erste P. in
diesem Sinne war, seit 241 v. Chr., Sicilien. Für
die Verwaltung der P. wurdeu anfänglich eigene
Prätoren erwählt, fpäter traten für sie Proprätoren
und Prokonsuln (s.d.) ein. Der Grund und Vod^n der
P. wurde, soweit er uicht Eigentum der privilegier-
ten Städte war, für steuerpflichtiges Staatseigen-
tum (kF6i- pudlicuä) erklärt. Er unterschied sich da-
durch bestimmt von dem durchaus steuerfreien Boden
des Herrenlandes Italien. Innerhalb der P. be-
standen Steuerbezirke und Gerichtssprengel (con-
V6iiw8). Die Einzelverwaltung beruhte auf städti-
schem System. Vertreter aus der ganzen P. ver-
sammelten sich in einzelnen P. schon unter der Re-
publik in einem Provinziallandtage (coinmu-
niH, grch. koinä) zur gemeinsamen Beratung über
Provinzialangelegenheiten. systematisch durchge-
führt und mit dem Kaiserkult verbnnden wurde aber
diese Institution erst in dcr Kaiserzeit. Die Ober-
behörde für Rechenfchaftsablage der Statthalter, Be-
fchwerden der Provinzialen u. s. w. war der Senat.
Die Monarchie verbesserte das Los der von den
republikanischen Beamten arg ausgesogenen P.
und begann schon seit Augustus die Sonderstellung
Italiens mehr und mehr zu nivellieren, bis diese
unter Diocletian und Konstantin ganz aufhörte.
Durchgängig fchuf schon Augustus eine straffere
gleichmäßigere Organisation. Alle P. sind der
Oberaufsicht des Princeps untergeben. Außerdem
wurden 27 v. Chr. die sämtlichen vorhandenen P.
Brockhails' Konversations-Lcxikon. 14. Aufl. XIII.
in speciell kaiserliche und scnatorische der Doppel-
herrschaft des Principats (s. ?rinc6p8) entsprechend
geteilt. Unter Verwaltung des Senats standen die
befriedeten Innenprovinzen; der kaiserl. Verwal-
tung waren dagegen die des Schutzes bedürftigen,
mit ständigen Garnisonen versehenen Außeuprovin-
zen und militärisch wichtigen Innenprovinzen unter-
stellt. In der Folgezeit haben sich mancherlei Ver-
ändernngcn in der Verteilung vollzogen; die neu
eroberten P. wurden sämtlich kaiserlich. Für die
senatorischen P. blieb im ganzen der alte Verwal-
tungsapparat. Alle Statthalter hießen Prokon-
suln, obwohl es eigentlich nur zwei konsularische P.
(Asia. und Afrika) gab, waren aber Civilbeamte.
Bei den kaiserl. Statthaltern, den vom Kaiser er-
nannten isFüti ^u^isti pro i^6toi-6, überwiegt
der militär. Charakter. Außerdem sandte der
Kaiser in bestimmte P., die die unmittelbarste kaiserl.
Aufsicht forderteu (Hausprovinzen, wie Iudäa, die
Alpenprovinzen), feineHausbeamtentplocur^toi-kF).
Auch sie trugen Offizierscharakter. In der fpatern
Kaiserzeit wirkt wachsend die Tendenz, die P. zu
verkleinern. Sie gelangt zum Abschluß mit der
letzten großen Reform der Verwaltung der römi-
schen P. unter Diocletian und Konstantin, nach der
es, statt der 45 P. unter Trajan, deren 110 gab.
Die Trennung der senatorischen und kaiserlichen P.
hört auf, alle Etattbalter werden Civilbeamte. Das
Reick zerfällt (mit Ausnahme von Rom und Kon-
ftantinopcl) in vier große Generalstatthalterfchaf-
ten, die den vier praskseti praotoi'io unterstehen.
Die eigentlichen Provinzialstatthalter heißen pr^e-
8iä63 und cori-ectoles, für wichtige größere Gebiete
auch vicklii mrd 00iuit68.
In neuerer Zeit bezeichnet man als P. die ver-
schiedenen Teile eines Staatsganzen, namentlich
wenn, wie im Königreich Preußen, bei dieser Ein-
teiluug die Eigenari oer Länder und der Bevölke-
rung, sowie ihr früherer geschichtlicher Zustand Be-
rücksichtigung gefunden hat. In Frankreich behaup-
tete sich, trotz aller von Richelieu und mehr noch
von Ludwia, XIV. gegen die Provinzialfreiheiten
geführten Streiche," ein ähnliches System selbst
während des 18. Jahrh., bis die Revolution und
das erste Kaiserreich den centralistischen Gedanken
rücksichtslos durchführten.
Provinzial (lat.), in der kath. Kirche der Vor-
gesetzte der zu demselben Orden gehörenden Klöster
in einem größern Bezirke (Provinz). Er steht unter
dem Ordensgeneral und führt bei dem Provin-
zialkapitel den Vorsitz. (S. Orden, geistliche.)
Provinzialadvokat, s. Hof- und Gerichts-
advokaten.
Provinzialausschutz, s. Provinzialordnung.
Provinzialfinanzen und Provinzial-
fteuern. Die Ausgaben der Provinzen betreffen
die provinzialen Anstalten für Kunst und Wissen-
schaft (Archive, Museen u. s. w.), für Wohlthätig-
keitszwecke (Armcnversorgung, Bliuden- und Irren-
häuser u. s. w.), Wegebau, Landesverbesserung u. s. w.
! Für die Deckung dieser Ausgaben kommen außer
den Gebühren, den Erträ'aen von Vermögens- und
Grundbesitz und gewissen Aufwandsteucrn vorzugs-
weise Zuschläge zu direkten Staatssteuern in Ve-
l tracht. In Holland z. V. werden Zuschläge zur
! Grund- und Personalsteuer, in Frankreich Zuschlüge
zur Gruud-, Personal- und Mobiliar-, Thür- und
Fenster- und Patentsteuer erhoben, deren Höchst-
betrag im jährlichen Staatshaushaltsetat festgestellt
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