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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Römische Litteratur

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Römische Litteratur

fluß, den die Beschränkung des öffentlichen Lebens notwendig haben mußte; sie verlor das wahre Pathos, wurde Sache der Schule und fand ihre Bethätigung nur noch vor den Gerichten. Andererseits war die Monarchie der ruhigen Entwicklung der Wissenschaft günstig, und die Augusteische Zeit ist glänzend vertreten in der Grammatik und Altertumswissenschaft durch Hyginus und Verrius Flaccus, in der Jurisprudenz durch Antistius Labeo und Atejus Capito, Häupter zweier entgegengesetzter Schulen, in der Geographie durch Agrippa.

Die dritte Periode zerfällt in zwei dem Gehalt nach ungleiche Teile: das sog. Silberne Zeitalter von Tiberius bis Trajan, und das Eherne von da an abwärts. Die Litteratur des Silbernen Zeitalters ist noch reich an materiellem Gehalt und an formeller Schönheit, allein sie hat auch alle Fehler einer überfeinerten und durch grelle Untugenden entstellten Zeit. Die Beredsamkeit wird Deklamation, die Kunst Manier, unter der selbst die Korrektheit leidet, die Energie der Gesinnung wird zum leeren Pathos, der litterar. Effekt Selbstzweck. Bei ernsten Geistern, denen es um die Sache zu thun ist, wie bei Tacitus, sucht sich die Indignation Formen der Darstellung, die vom natürlichen Ausdruck sich entfernen. Ein Gewinn ist es trotz der dadurch gefährdeten Reinheit der urbanen Sprache, daß nunmehr nicht bloß aus den italischen Landstädten, sondern auch aus den romanisierten Provinzen litterar. Kräfte nach Rom strömen. Den Gattungen nach verteilt sich die litterar. Thätigkeit ungefähr gleich auf Prosa und Poesie. In der Geschichtschreibung vertritt, wenn man nur das Erhaltene berücksichtigt, Vellejus Paterculus unter Tiberius die allgemeine Geschichte, die er in kurzer Übersicht giebt, Tacitus unter Nerva und Trajan die Zeitgeschichte und die Geschichte der jüngsten Vergangenheit, derselbe Tacitus in seinem "Agricola" die Biographie, Valerius Maximus die histor. Anekdotensammlung. In der Beredsamkeit hat man in dem Panegyricus des jüngern Plinius auf Trajan ein für diese Periode charakteristisches Beispiel. Die Rhetorik vertreten der ältere Seneca, Quintilian und Tacitus (im "Dialogus"), die Philosophie und den Brief Seneca, der Sohn des Rhetors, sowie der jüngere Plinius. Die Fachwissenschaften werden eifrig gepflegt, verlieren aber, je specieller sie in das Fach eingehen, um so mehr an Interesse für die allgemeine Litteraturgeschichte. Die Poesie wird, mit Ausnahme der Lyrik, die keine bedeutenden Namen mehr aufweist, aufs mannigfachste gepflegt. Im Drama sind das Nennenswerteste die Tragödien des Philosophen Seneca, mit Stoffen aus der griech. Heroengeschichte. Das Epos wird vertreten von Silius Italicus, Lucanus, Valerius Flaccus, Statius teils mit röm., teils mit heroischen Stoffen, die Satire von Persius unter Nero, von Juvenalis unter Trajan, in eigentümlicher Weise aber in einem dem 1. Jahrh. angehörigen Roman, den "Satirae" des Petronius, das Epigramm durch Martialis, die poetische Fabel durch Phädrus.

Der zweite Teil dieser Periode, das sog. Eherne Zeitalter, bildet wiederum zwei kleinere Gruppen, die des 2. und 3. und die des 4. Jahrh. Die zwei ersten zeichnen sich aus durch eine ungemeine Dürftigkeit der litterar. Namen. Von der Zeit Hadrians an zeigte sich nach dessen Vorgang eine ausgesprochene Vorliebe für die griech. Litteratur, die damals in der sog. neuern Sophistik eine Nachblüte erlebte, während man im Sprechen und Schreiben das Latein vernachlässigte. Soweit aber das Latein noch kunstmäßig geschrieben wurde, geschah dies abermals mit unter dem Einfluß Hadrians in einer Weise, die jede Produktivität abschnitt. Es bildete sich nämlich eine manierierte Vorliebe für das altertümliche, vorciceronianische Latein, das, in die gewöhnliche Sprache der Zeit unvermittelt hineingezogen, der ganzen Schreibart ein unnatürliches Aussehen gab. Das Haupt dieser Schule von Schriftstellern war der aus Afrika gebürtige Rhetor Fronto, Lehrer des Kaisers Marc Aurel. Ein geistvollerer Vertreter der Litteratur dieser Zeit ist Apulejus, ebenfalls Afrikaner, dessen "Metamorphosen", worin das Märchen von Eros und Psyche den Lichtpunkt bildet, ein für die allgemeine geistige wie litterar. Richtung jener Zeit sehr bezeichnender Roman sind. Handwerksmäßige, buntscheckige Gelehrsamkeit trägt völlig geistlos in seinen "Noctes Atticae" der Frontonianer Aulus Gellius zur Schau. Am grellsten sticht gegen den glänzenden Abschluß, den die vorige Periode in der Geschichtschreibung des Tacitus gefunden, die Dürftigkeit ab, welche in diesem Fache nun eintritt. Außer den trocknen, rein stofflichen, anekdotenartigen Kaiserbiographien des Suetonius, der übrigens als universeller Gelehrter immer noch einer der wertvollsten Autoren dieser dürftigen Zeit ist, kann nur ein Abriß der röm. Geschichte von Florus, der in den Anfang dieser Zeit fällt, genannt werden. Nach Schreibart und Gehalt sind am Ende des 2. und am Anfang des 3. Jahrh. die bedeutendsten Erscheinungen die Juristen und die christlichen Schriftsteller; jene vertreten durch die Koryphäen Gajus, Papinianus, Ulvianus, Paulus, diese durch den Apologeten Minucius Felix und die Afrikaner Tertullianus und Cyprianus.

Im 4. und 5. Jahrh. zeigt sich noch zum Schluß in Prosa wie in Poesie ein gewisser Aufschwung, weniger bewirkt durch erneuerte wirkliche Produktivität als durch Studium und Nachahmung der bessern ältern Litteratur. Diese findet sich unter den Vertretern der Geschichtschreibung zwar nicht bei den stil- und geistlosen Verfassern der Kaiserbiographien von Hadrian bis Carinus (s. Scriptores historiae Augustae), dagegen einigermaßen bei Eutropius, ferner in den unter dem Namen des Aurelius Victor überlieferten Schriften und, wenigstens dem stofflichen Wert nach, bei Ammianus Marcellinus, endlich weniger bei dem Redner Symmachus als bei dem christl. Schriftsteller Lactantius, und bei den Dichtern des 4. Jahrh., Ausonius und Claudianus. Im 5. Jahrh. sind die hervorragendsten Erscheinungen einerseits die Rhetoren der gallischen Schule, ein Eumenius und Sidonius Apollinaris, andererseits die Kirchenväter Hieronymus und Augustinus, Männer, deren litterar. Eigenschaften bei allen stilistischen Auswüchsen nicht unterschätzt werden dürfen, da sie sich mitten unter dem gänzlichen Verfall der Volkssprache erhielten.

Den würdigen Abschluß der alten lat. Litteratur und zugleich den Übergang zum Mittelalter bildet Boethius mit seiner sprachlich und moralisch hochstehenden "Consolatio philosophiae". Der gleichzeitige Cassiodorius hat weniger litterar. als (durch seine histor. und polit. Schriften) stoffliche Bedeutung. Vollends hat der letzte Name der röm. Litteraturgeschichte, der Spanier Isidorus (7. Jahrh.), mit seinem etymolog. Sammelwerk "Origines" nur stoffliches Interesse.