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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Russische Litteratur

Die Reformversuche der ersten Regierungsjahre Alexanders I. erzeugten ein reges polit. und nationalökonomisches Interesse im Publikum. Die Presse brachte polit. und nationalökonomische Artikel. Die Aufhebung der Leibeigenschaft wurde erörtert. Die Anhänger dieser liberalen Richtung, größtenteils mit der Occupationsarmee heimgekehrte Offiziere, bildeten allerdings die Minderheit. In den letzten Regierungsjahren Alexanders sammelten sich die mit der Tyrannei des allmächtigen Ministers Araktschejew unzufriedenen liberalen Elemente zu verschiedenen Geheimbünden. Poetisch kam der Protest zum Ausdruck in den Gedichten K. Ryljejews (1745-1826). Das Freimaurerwesen kam wieder auf. Als Reaktion gegen den Materialismus des 18. Jahrh. erschien der Mysticismus, besonders in den hohen Gesellschaftskreisen.

In der Litteratur herrschte trotz aller Kämpfe gegen die Gallomanie der alte franz. Einfluß. In der Poesie war die Ode immer noch lebendig (Mersljakow [1778-1830], aber auch einzelne Dichtungen der neuen Schule [Dmitrijews, Shukowskijs u. s. w.] zeigen deren Stil). Im Roman herrschte der Geschmack an möglichst verwickelten Abenteuern (W. Narjeshnyj, 1780-1825). Daneben waren die morgenländ. Erzählungen Alex. Benizkijs (1781-1809) und endlich die Erzählungen im sentimentalen Geschmack beliebt. Das Drama entwickelte sich unter besonders günstigen Umständen. Neben talentvollen Dichtern traten ausgezeichnete Schauspieler auf. Es entstanden Provinzialbühnen und Privattheater. Der 1808 gegründete "Dramat. Bote" wirkte geschmackverbessernd. Die gesellschaftliche Stellung der Schauspieler wurde besser. Im Drama herrschten nebeneinander bürgerliches Drama und die heroische Tragödie. Besonders beliebt war Kotzebue und seine russ. Schule. Als neue Gattung trat das Melodrama hinzu. Der Hauptvertreter der klassischen Richtung war Oserow (1770-1816). Im Lustspiel beherrschte der Fürst A. Schachowskoj (1777-1846) die Bühne; daneben wurden viele franz. Stücke übersetzt. Die Fabel erlangte durch Iwan Krylow (1768-1844) ihre höchste Vollendung. Die Satire richtete sich teils gegen die Unnatur in der Poesie (Fürst I. M.^[Iwan Michailowitsch] Dolgorukij, 1764-1823, Fürst P. A. Wjasemskij, 1792-1878), teils gegen gesellschaftliche und administrative Schäden (Fürst D. P. Gortschakow, 1756-1824).

Einen neuen Inhalt erhielt die russ. Poesie durch die Romantik. Als Einführer derselben gilt Wassilij Shukowskij (1783-1852). Sein Verdienst besteht darin, daß er durch musterhafte Übersetzungen die Meisterwerke der engl. und deutschen Litteratur in Rußland einbürgerte. Die einseitige Nachahmung der Franzosen hörte dadurch auf. Für die russ. Poetik waren seine Gedichte von größtem Wert: sie lieferten Muster, z. B. für alle Gattungen der Lyrik. Neben Shukowskij sind als Romantiker zu erwähnen: Konst. Batjuschkow (1787-1855) und Iwan Koslow (1779-1840). Endlich wirkte dem Pseudoklassicismus entgegen die Bekanntschaft mit der Antike, die den Russen durch die Übersetzungen Nik. Gnjeditschs (1748-1833), Shukowskijs u. a. vermittelt wurde.

In der wissenschaftlichen Litteratur war Karamsins "Geschichte Rußlands" die reifste Frucht der Fortschritte auf histor. und kulturhistor. Gebiet und wurde für die nächsten Jahrzehnte ein Muster der Methode und eine Fundgrube an Material. Der Mäcen der Forschung war Graf N. Rumjanzew, der Handschriften sammeln und abschreiben ließ, prachtvolle Ausgaben veranstaltete, seine reiche Bibliothek zur Verfügung stellte u. s. w. In der Slawistik begann A. Wostokow seine epochemachende Thätigkeit. Für die Volkskunde ist wichtig die u. d. T. "Alte russ. Dichtungen" herausgegebene Heldenliedersammlung.

Eine neue Periode der R. L. beginnt mit Alexander Puschkin. Puschkin trat als Dichter auf, als der Pseudoklassicismus in den letzten Zügen lag; seine ersten Gedichte sind Nachahmungen der leichtern franz. Erotik. Darauf hatten eine Zeit lang Byron und die Romantiker, später Shakespeare Einfluß auf ihn, ohne daß er sich einem dieser Einflüsse nachhaltig unterwarf. In Puschkins Dichtungen erreicht die russ. Poesie ihren vielseitigsten, nationalsten und formvollendetsten Ausdruck. Er ist der erste russ. Dichter, der das fremden Litteraturen Entlehnte nicht, wie seine Vorgänger, einfach wiedergab, sondern in russ. Geist durcharbeitete. Insofern wirkte er bahnbrechend und ward der Lehrer und das Vorbild für die moderne russ. Dichtung. Puschkins unmittelbare Nachfolger und Schüler fallen sehr gegen ihn ab, z. B. Dmitrij Wenewitinow (1805-27), Alex. Poleshajew (1810-38), Nik. Jasykow (1803-46), Eug. Baratynskij (1800-44) und Anton Delwig (1798-1831). - Die damaligen Censurverhältnisse, die jede freie Meinungsäußerung hinderten, hatten das Entstehen einer umfangreichen, handschriftlich verbreiteten Geheimlitteratur zur Folge. Zu dieser gehörte auch das berühmte Schauspiel "Wehe dem Gescheiten" ("Gore ot uma", 1822-23) von Alexander Gribojedow (1794-1829), eine bittere Satire auf die höhere Moskauer Gesellschaft der zwanziger Jahre.

Die arge Reaktion, die mit dem Regierungsantritt des Kaisers Nikolaus (1825) begann, die Unterdrückung jeder freien geistigen Regung rief in der Gesellschaft eine Unzufriedenheit und einen Protest hervor, der auch in der Litteratur zu Tage trat: Byron fand begeisterte Anhänger und Nachahmer. Der bedeutendste der russ. Byronianer ist zugleich der größte russ. Dichter nach Puschkin, Mich. Lermontow. Lermontow starb mitten in seiner poet. Entwicklung; doch genügt das, was er geschaffen hat, um ihn unter die großen Dichter zu stellen. Der Held seines Hauptwerkes "Der Held unserer Zeit" wurde zu einer beliebten, im Roman der vierziger und fünfziger Jahre oft nachgeahmten Figur. Eine ganz alleinstehende bedeutende Dichtergestalt dieser Zeit ist der aus dem Volk stammende, früh verstorbene Alexej Kolzow, der erste Lyriker, dem es gelang, dem Volkslied, bei treuer Wahrung von Form und Charakter, hohe künstlerische Vollendung zu geben.

In die dreißiger Jahre fallen die ersten entscheidenden Anfänge einer die Romantik ablösenden Richtung, der Realismus oder Naturalismus. Die Keime dazu waren schon vorhanden, aber erst Nikolaj Gogol sollte durch seine naturalistischen Schilderungen des kleinen Mittelstandes und des subalternen Beamtentums der auf ihn folgenden Schriftstellergeneration die definitive Richtung geben. An der Moskauer Universität hatten sich Anfang der dreißiger Jahre ein paar Studentenvereinigungen gebildet, die für das spätere geistige Leben Rußlands von Bedeutung wurden. Der eine sich um N. Stankewitsch gruppierende Kreis be-^[folgende Seite]