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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Samenbläschen - Samendarre
gewinnung benutzt man nur diejenigen Pflanzen,
die die geschätzten Eigenschaften in vollkommenster
Weise zeigen, z. B. die Größe und Form der Wur-
zeln bei den Wurzelgemüsen, die Blattbildung bei
den Blattgemüsen u. s. w. Nur durch sorgfältige
Auswahl (Zuchtwahl) der zur Eamengewinnung be-
stimmten Pflanzen, der Samenträger, werden die
guten Eigenschaften der verschiedenen Kulturformen
erhalten. Die Samenträger der verschiedenen Formen
einer Art oder Rasse, die sehr zu Variationen neigt,
wie z. B. die Kohlarten, müssen möglichst weit von-
einander gepflanzt werden, damit die Übertragung
des Blütenstaubes durch Wind und Insekten von der
einen auf die andere Form möglichst verhindert
wird. Die Samen werden meist kurz vor der völligen
Reife geerntet, um das Ausfallen aus den Hüllen
zu verhindern. Ihre völlige Reife (Nachreife) er-
langen sie im Freien auf einem sonnigen Platze oder
in einem luftigen Speicher. Nach ihrer völligen
Reife werden die Samen von ihren Hüllen in geeig-
neter Weise befreit, gereinigt und an einem kühlen,
trocknen Orte aufbewahrt. Wegen der großen Sorg-
falt, die der S. erfordert, kann derselbe nur als eine
besondere Spezialität des Gartenbaues und der
Landwirtschaft in für diefen Zweck geeigneten Lagen
und Bodenarten erfolgreich betrieben werden.
Der ausgedehnteste S. findet in Erfurt und
Quedlinburg statt. Es wird von Quedlinburg jähr-
lich über 100000 Ctr. Zuckerrübensamen nach Öster-
reich und Ruhland versandt, aber auch ansehnliche
Mengen nach Frankreich, Dänemark, Schweden
und andern Ländern geliefert. Der Verfand be-
trägt von: Möhrcnfamen 4000-5000 Ctr., Zwiebel-
samen 1500-2000, Salatsamen 800-1000, Kopf-
kohl 200-300, Gartenerbfen 6000-8000, Bohnen
6000-8000, Spinatfamen 2500 - 3000, Futter-
runkelrüben 15000-20000, Reseda 400-500 Ctr.
Eine einzige Firma, Gebrüder Dippe, hatte schon
1889 in der Quedlinburger Feldmark 1300 ka, in
den benachbarten Feldmarken von Halberstadt und
Neundorf 950 lia, zusammen 2250 Ka Acker für S. in
Kultur. Davon entfiel der größte Teil auf den Bau
von Zuckerrübensamen. Von andern Pflanzen wur-
den angebaut: 40-60 lia mit Salat und Zwiebeln,
40-45 mit Kresse und Spinat, 30-35 mit Porree,
Rapunzchen und Kerbel, 90-95 mit Erbsen, 70-80
mit Bohnen, 25-30 mit Kopfkohl, 8-10 mit Kohl-
rabi, 40-50 mit Radieschen und Rettich, 50-55
mit Mohren, 800-900 mit Getreidearten, 25-
30 da mit Astern. Von Reseda werden jährlich 150-
200 Ctr. geerntet. Herbst- und Winterlevkojen wur-
den in 325000 Töpfen auf Stellagen unter Schutz-
dächern kultiviert, von Goldlack, Cinerarien, Cal-
ceolarien, Nelken 60000, von chinef. Primeln 80000
Töpfe. Beschäftigt wurden außer einem zahlreichen
Comptoirpersonal über 200 Gärtner, 1600-1800
Arbeiter und zahlreiche Handwerker. 7 Gasmotoren
dienen zum Betriebe der zahlreichen Dresch- und
Reinigungsmaschinen, außerdem war eine Dampf-
dreschmaschine und ein Dampfpflug vorhanden. An
Zugvieh werden über 200 Pferde und ebensoviel
Ochsen gehalten. Des Düngers wegen werden jähr-
lich 5000-6000 Hammel gemästet. Seitdem ist der
Betrieb noch bedeutend vergrößert worden. Ein
Bild von der Großartigkeit des S. geben die all-
jährlich erscheinenden Samcnverzeichnisse, meist mit
erläuternden Bemerkungen über Kultur und Ver-
wendung sowie auch mit Abbildungen versehen.
Mit dem S. ist der Samenhandel eng verbun-
den; jedoch nicht alle Samenhändler sind auch gleich-
zeitig Züchter; selbst die meisten Züchter sind Specia-
listen für den einen oder andern Zweig des S. und"
assortieren ihr Lager durch Geschäftsverbindung mit
andern Züchtern. Große Geschäfte geben zuverlässi-
gen Gärtnern einzelne Samensorten in Kultur unter
Bedingung der Ablieferung der Ernte gegen ver-
einbarte Preise. Mit dem S. ist oft die Kultur voir
Zwiebeln und Knollen verbunden.
Die Samen der landwirtschaftlichen Futterpflan-
zen, Klee, Luzerne u. s. w., werden meistens von
Landwirten gezogen und an besondere Zwischen- oder
direkt an Großhändler verkauft und von diesen an
den Produktenbörsen gehandelt. Schlesien liefert
besonders Kleesamen, die russ^Ostseeprovinzen, na-
mentlich Riga, Leinsamen, Schottland Raygras-
samen. Die forstwirtfchaftlichen Samen, Kiefern,
Fichten und Tannen u. s. w., werden besonders in
Hessen und Thüringen gesammelt und dort in be-
sondern Anstalten, Klenganstalten (s. Samendarre)
genannt, aus ihren Hüllen befreit. Landwirtschaft-
liche und gärtnerische Samen, die in Deutschland
nicht sicher zur Reife gelangen, werden aus dem
südl. Frankreich und Italien, besonders aus der
Gegend bei Neapel, sowie von Nordamerika be-
zogen. Im S. nimmt Deutschland von allen Län-
dern hinsichtlich des Umfangs den ersten Rang
ein. Seine Hauptabsatzgebiete sind: Österreich, Ruß-
land, England, Dänemark, Schweden, Norwegen
und von außereurop. Erdteilen Nordamerika und
Australien. - Vgl. Jäger und Benary, Die Er-
ziehung der Pflanzen aus Samen (Lpz. 1887).
Samenbläschen, s. Samen und Geschlechts-
organe (Bd. 7, S. 897 k).
Samenblätter, s. Kotyledonen.
Samenbruch, Krankheit der Weintrauben, wo-
bei die Samenkörner über die Oberfläche der Beere
hervorragen.
Samendarre, Samenklenganstalt, eine
Anstalt, in der die Samenkörner aus den Fichten-
und Kiefernzapfen gewonnen, von Schuppen und
Flügeln befreit werden. Die einfachste, älteste Form
der S. sind die Sonnendarren, hölzerne Kästen,
in die Horden von Draht oder Holz eingesetzt wer-
den. Hier werden die Zapfen ausgebreitet und der
Sonne ausgefetzt; durch die Wärme öffnen sich die
Zapfen, der Same fällt bei wiederholtem Schütteln
und Wenden derselben in den Kasten. Die Sonnen-
darren liefern zwar vorzüglich keimfähigen Samen,
sind aber nur für kleinen Betrieb verwendbar, auch
bleibt man abhängig von der Witterung und ge-
winnt den Samen nicht vollständig. Eine voll-
ständigere Ausklengung der Zapfen erfolgt dagegen
in den Feuerdarren. Hier werden die Zapfen in
durch Heizung bis reichlich 50° 0. erwärmten Räumen
auf beweglichen oder festen Horden ausgebreitet und
der unmittelbar vom Feuerungsapparat ausströmen-
den oder durch Röhren zugeführten warmen, trocknen
Luft so lange ausgesetzt, bis sie vollständig aufge-
sprungen sind. Durch Rütteln der Horden oder
Schütteln und Wenden der Zapfen fallen die Samen-
körner aus und gelangen auf den kühlern Boden des
Darrraums. An Stelle der Horden werden hier
und da auch drehbare Trommeln aus Drahtgeflecht
verwendet (Trommeldarren). Die genaueste Re-
gulierung der Wärme gestatten die D a m p f d a r r e n,
bei denen die Heizung sich außerhalb des Darrraums
befindet und die Erwärmung desselben mittels eines
Röhrensystems erfolgt, durch das der Dampf strömt.