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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Service - Servius Tullius
ihm zu entfliehen; er wollte durch die Schweiz nach
Italien reisen. Anf der Durchreise wurde er in
Genf auf Calvins Wunsch 13. Äug. 1553 verhaftet.
Die Anklage lautete auf Verleugnung Gottes und
Christi. Auf Calvins Drängen wurde S. nach mehr-
fachem Verhör 27. Okt. 1553 als Ketzer verbrannt.
S. war ein Mann von inniger Frömmigkeit, von
größter Begeisterung für das, was er als Wahrheit
erkannte, und von imponierendem Charakter. Als
Gelehrter besaß er ausgebreitete Kenntnisse, war
bekannt als Entdecker des Lungenkreislaufs und in
mehrern Wissenschaften bewandert. - Vgl. Trechsel,
Die prot. Antitrinitarier, Bd. 1: Michael S. und
seine Vorgänger (Heidelb. 1839); Brunnemann, Ni-
Hol LervowL (Berl. 1865); Pünjer, vo Nieii^Iis
8erv6ti äoetrina. (Jena 1876); Tollin, Das Lehr-
system Michael S.s (3 Bde., Gütersloh 1876-78)
sowie die übrigen zahlreichen Arbeiten Tollins über
S.; Amallo y Manget, Historik critica. äe Ni^u^i
äs 8. (Madr. 1888); Möller, Lehrbuch der Kirchen-
geschichte, Vd. 3 (hg. von Kawerau, ssreib. i. Vr. 1894).
Service (frz., spr. -wihß), s. Servis.
Servieren (lat.), dienen (als Handlungsgehilse);
(die Tafel) anrichten, (die Speisen) austragen.
Serviette (frz.; ital. 8a1vi6tta), das Tuch, das
man beim Essen zum Schutze der Kleider benutzt. Dcn
Nömern, die im allgemeinen mit den Fingern aßen,
war es unentbehrlich. Zu Ausgang des Mittel-
alters kam es in Italien wieder in Gebrauch und zu
Anfang des 16. Jahrh, in Deutschland. Die Trin-
cierbücher des 17. Jahrh., in denen die S. auch als
Fatscheinlein bezeichnet werden, enthalten Anweisun-
gen, den S. durch kunstreiches Zusammenfalten die
Gestalt von Fächern, Schiffen, Festungen, Fifchen,
Vögeln, Hunden, Löwen u.s.w. zu geben, um Tafeln
damit zu schmücken. - Vgl. L. Fritzsche, Illustriertes
Servicttenalbum (Franks. a.M.1894); Ch. Wagner,
Der festlich gedeckte Tisch (8. Aufl., Verl. 1894).
Servigny (fpr. -winnjih), Dorf im Kanton Vigy,
Landkreis Metz des Bezirks Lothringen, 6 km nord-
östlich von Metz, zwifchen den nach Busenweiler und
Saarlouis führenden Straßen auf einem Höhen-
rücken gelegen, hat (1890) 301 kath. E. und war 1870
ein Stützpunkt der deutschen Einschließungslinie im
Bereich des preuh. 1. Armeekorps und dcr Schau-
platz blutiger Kämpfe am 14. Aug. (Schlacht bei Co-
lombey-Nouilly, f. d.) sowie 31. Aug. und 1. Sept.
1870 (Schlacht bei Noisseville, s. d.).
Servile (d. h. knechtisch Gesinnte, vom lat. 86i->
vu8), diejenigen, die aus Furcht oder Eigennutz gegen
Höhergestellte und Mächtige einen solchen Dienst-
eifer beweisen, wie es sich mit der Würde des freien
Mannes nicht verträgt. Ins polit. Leben wurde der
Ausdruck erst 1814 in Spanien eingeführt, wo man
diejenigen S. nannte, die die unwürdige Politik
Ferdinands VII. unterstützten. Servilismus,
Servilität, Knechtssinn, Kriecherei.
Servis (frz. Lervico), Dienst, Bedienung, Trink-
geld für Bedienung; zusammengehörendes Tafel-,
Tischgeschirr (Kaffee-, Theeservice u. s. w.); im Mi-
litärwesen die Geldvergütung, welche den Personen
des Soldatenstandes zur Selbstbeschaffung des linter-
kommens für sich (Personalservis), ihre Pferde (Stall-
servis), ihre Bureaus (Vureauservis) gewährt wird.
Im Fall der Unterbringung in Naturalquartieren er-
halten die Quartiergeber den S. gezahlt; nur im
Kriege wnd in der Regel kein S. bewilligt.
Serviten, Diener der heiligen Jungfrau
(lat. lsorvi doutuoNln-iaL vir^inis), Brüder vom
Ave Maria und Brüder vom Leiden Christi
oder von Monte-Senario, die Mönche eines
geistlichen Ordens, der 1233 zu Florenz von Kauf-
leuten zur Verehrung der Jungfrau Maria durck
strenge ascetifche Übungen gestiftet wurde. 1236
ließen sich die Mönche auf Monte-Senario nieder,
nahmen die Regel der Augustiner an und erhielten
vom Papst Alexander IV. die Bestätigung (1255).
Durch ihren General Benizi (gest. 1284 oder 1286)
verbreitete sich der Orden nach Frankreich, in die
Niederlande und nach Deutschland und erhielt vom
Papst Martin V. die Privilegien dcr Bettelorden.
Der Bruder Bernhardin von Ricciolini crncuerte
die alte Strenge des Ordens (1593); seine Anhänger
hießen Einsiedlerserviten. Diese und die min-
der strengen S. haben ihre wichtigsten Sitze in Ita-
licn, in Deutschland haben sie nur noch in Bayern
ein Haus. Zu den berühmtesten Männern des Or-
dens gehört Paolo Sarpi (s. d.). - Der Orden der
S ervitinnen, nach ihrer schwarzen Kleidung auch
Schwarze Schwestern genannt, entstand zu Leb-
zeiten Benizis, verbreitete sich in denselben Ländern
wie die S., existiert aber nur noch in wenigen Klö-
stern. - Vgl. Soulier, Vi6 äs L6ni2i, piop^atc^l
cls I'oi'ärk äe8 86rvit68 ä6 Naris (Par. 1885); IÜ8-
toii'6 äy I'orärs ä68 86rvit68 -1310), Mr un
mni ä68 86rvit68 (2 Bde., ebd. 1890).
Ssrvitonr (frz., spr. -töhr), Diener.
Servitieti (lat.), gewisse Gebührender Bischöfe
an den Papst, besonders für die von letzterm erteilte
Konfirmation. (S. Annaten.)
Servitüt (lat.), f. Dienstbarkeit.
Servlus Tullius, der als sechster röm. König
578-534 v. Chr. regiert haben foll, war nach dcr
gewöhnlichen Sage der Sohn eines Gottes und einer
Sklavin des Tarquinius Priscus, Ocrisia, und von
früh auf durch Wunderzeichen verherrlicht. Nach
etrusk. Chroniken dagegen wäre er ein Etrusker ge-
wesen, der mit seinem heimischen Namen M ast arn a
geheißen und mit einer Schar Landslcutc in Nom
sich festgesetzt hätte. Zum Eidam des Tarquinius er-
hoben, wurde er nach dessen Tode König mit Hilse
dcr Gemahlin des Verstorbenen, Tanaquil. Seiner
Regierung wurden glückliche Kriege mit den Vejen-
tcrn, hauptsächlich aber eine großartige Verfassungs-
rcform zugeschrieben, die aus Patriciern und Ple-
bejern ein einheitliches, nach lokalen Tribus geteil-
tes und danach wieder in bestimmte Steuer- und
Heeresklasscn (Centurien) gegliedertes Volk schuf.
Doch wird bezweifelt, daß diese Einteilung schon in
die Königszeit gehört. Sicker fällt dagegcn noch in
diese die ebenfalls dem S. T. zugefchriebene Herstel-
lung einer noch in den Resten erhaltenen gewaltigen
Stadtmauer (Ser Vianische Mauer, s. Rom,
Vd. 13, S. 9413.). Endlich wird der der Diana auf
dem Aventin in Rom als ein zweites gemeinsames
Heiligtum des Latinischen Bundes geweihte Tempel
als das Werk des S. T. bezeichnet. Außcrdem soll
S. T. nach der Tradition geprägtes Varrengeld ein-
geführt haben. S. T. hatte, wie erzählt wird, feine
bciden Töchter mit den Söhnen des Tarquinius
Priscus verheiratet. Die eine, des Aruns Gattin,
trat in ein ehebrecherisches Verhältnis zu dessen Bru-
der Lucius und heiratete ihn, nachdem er seine Gattin
und sie ihren Gemahl gemordet. Dann reizte sie ihren
neuen Gemahl zur Verschwörung gegen ihren Vater.
S.T. wurde erschlagen. Über die blutige Leiche fuhr
die entartete Tochter mit ihrem Wagen. - Vgl.
Gardthausen, Mastarna oder S. T. (Lpz. 1882).