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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Toboso - Tocqueville

untere, Überschwemmungen ausgesetzte Stadt zieht, ist Sitz des Gouverneurs und Bischofs von T. und Sibirien und hat (l897) 20 427 E., 20 Kirchen, darunter die Kathedrale der heil. Sophia, Mönchskloster, Denkmal Jermaks (1839 errichtet), Gymnasium, geistliches Seminar, 4 Zeitungen, 2 Buchdruckereien, 1 Buchhandlung, Stadtgarten, Staatsgefängnis, Filiale der Russischen Reichsbank, 2 Stadtbanken, Flußhafen mit Dampfschiffahrt. Betrieben werden Fischerei, Fuhrwesen, Schiffbau, Gerbereien, Talg- und Seifensiedereien, Ziegeleien u. a. Die Handwerke werden meistens von den Verbannten (mit ihren Familienangehörigen etwa 3000) betrieben. Der frühere bedeutende Handel ist zurückgegangen.

Toboso, El, span. Stadt, s. Quintanar de la Orden.

Tobsucht, Bezeichnung für ein gewisses äußeres Verhalten geistig Gestörter ohne strenge wissenschaftliche Bedeutung. T. kann im Verlauf der meisten Formen von Geistesstörung gelegentlich auftreten; bei einzelnen Formen bildet sie eine regelmäßige, das Gesamtbild bestimmende Erscheinung. Die Erscheinungsweise der T. wechselt vielfach je nach der Art der zu Grunde liegenden Hirnkrankheit; insbesondere kommen in Betracht die Manie, die progressive Paralyse der Irren, die Verrücktheit, die Epilepsie u. s. w. Bei der maniakalischen T. tritt oft anfangs nur eine mäßige Aufregung hervor, die sich in nutzloser Geschäftigkeit, Schwatzhaftigkeit, ruhelosem Umherirren u. dgl. kundgiebt. Bei höhern Graden der Erregung kommt es zu anhaltendem Gehen und Laufen, Singen und Schreien, Lachen oder Weinen, zu gewaltthätigen Handlungen, erhöhtem Geschlechtstrieb, unsittlichen und rücksichtslosen Reden und Handlungen, zu Angriffen auf Personen, Zerstörungen, Sammeln nutzloser Dinge, Zerreißen der Kleider, groben Verstößen gegen Anstand und Sitte. Der Gedankenablauf ist beschleunigt, macht sich in stundenlangem, überstürztem, unzusammenhängendem Reden, Reimen, Singen und Lärmen Luft, während der Kranke äußern Einflüssen, Zureden, völlig unzugänglich ist. Die Stimmungen wechseln; von Lustigkeit und Übermut fällt er in mutloses, verzagtes Treiben, förmlich triebartig treten Genußsucht, Begehrlichkeit und geschlechtliche Empfindungen auf, schließlich kann es zu sinnlosem blinden Wüten und zur Raserei kommen. Während so die maniakalische T. im wesentlichen einem excessiv gesteigerten Triebleben entspricht, wird die T. der sog. Verrückten bedingt durch Wahnvorstellungen und Sinnestäuschungen aufregenden, schrecklichen Inhalts. Hier suchen sich die Kranken vermeintlicher Gefahren zu erwehren, dringen in blinder Wut auf die Umgebung ein oder äußern laut ihre Verzweiflung u. dgl. m. Ähnliche Zustände von großer unbewußter Aufregung treten in heftigen Fiebern, z. B. im Typhus, vorübergehend auf. Besonders starke Tobsuchtszustände, die ganz plötzlich und vorübergehend eintreten, und in denen oft die schwersten Gewaltthätigkeiten, Mord und Selbstmord, begangen werden, die sog. transitorische Manie, die von Stunden bis zu Tagen dauern, entstehen meist auf epileptischer Grundlage. Diese Art der T. ist besonders in gerichtlich-mediz. Beziehung von großer Wichtigkeit.

Tocantins (spr. -kangtíngs), einer der großen Ströme Brasiliens, entsteht unter 4° 40' südl. Br. und 49° westl. L. (von Greenwich) bei dem Fort São João de Araguaya aus der Vereinigung des Araguaya (s. d.) und des obern T. Der obere T. bildet sich im Staate Goyaz aus dem Kleinen T. oder Tocantins-Pequeno und dem Rio Maranha. Der vereinigte Strom fließt nach N., zuletzt die Grenze gegen Maranhão bildend. Dann tritt er in Para ein. Etwa 300 km unterhalb der Vereinigung mit den Fluten des stärkern Araguaya erweitert er sich zu einem Ästuar, welches unterhalb Cameta oder Villa Vicoza den Namen Rio Para annimmt. Dieses 222 km lange und an der Mündung in den Atlantischen Ocean 63,8 km breite Ästuar wird häufig als ein Nebenfluß des Amazonenstroms betrachtet, kann aber nicht einmal als ein Zwillingsstrom desselben angesehen werden, da ihre Wassermassen durch die Insel Marajo geschieden bleiben und nur durch einige schmale, aber tiefe Kanäle miteinander in Verbindung stehen. Die Stromlänge des T. wird zu 2040 km, die schiffbare Strecke zu 1800 km, das ganze Flußgebiet zu 979 000 qkm angegeben. Das letztere wird hauptsächlich durch den Araguay erweitert. Die regelmäßige Benutzung als Wasserstraße fängt erst bei Porto-Imperial unter 10° südl. Br. an. Doch bereiten Riffe, Stromschnellen und Untiefen vielfache Hindernisse, so daß der T. noch schlechter als der Araguaya zu befahren ist.

Toccadegli (spr. -délji), richtiger Toccategli (ital., d. i. berühret sie) geschrieben, in span. Namensform Toccadille, ein seit dem 16. Jahrh. sehr beliebtes, jetzt fast vergessenes Spiel, das auf dem Puffbrett von zwei Personen gespielt wird und dessen Regeln von denen des Trictrac nur wenig abweichen.

Toccata (ital., von toccare, d. i. berühren), ein früher sehr gebräuchlicher Tonsatz für Tasteninstrumente (Klavier, Orgel), der ohne festes Form- und Melodiegefüge war und mit dem Präludium und der Etüde, der Phantasie und dem Capriccio ziemlich identisch ist, auch historisch den Ausgangspunkt dieser Formen bildet. Die T. blühte im 16., sowie zu Anfang des 17. Jahrh., doch haben noch neuere Komponisten Stücke freiern Charakters zuweilen T. genannt. S. Bach hat eine Reihe von solchen großen und effektvollen Orgelsätzen Toccaten genannt, die aus einem oder zwei kurzen Motiven entwickelt sind.

Toccategli, Spiel, s. Toccadegli.

Toccato (ital.; frz. toquet), in den Auszügen der Trompeterchöre die vierte Stimme, die in Ermangelung der Pauken die Grundstimme bildet.

Toce (spr. -tsche), Fluß in Italien, s. Tosa.

Töchter der heiligen Dreifaltigkeit, s. Trinitarierorden.

Töchter des heiligen Kreuzes, s. Kreuzschwestern.

Tochtergemeinde, s. Filialgemeinde.

Töchterhäuser, s. Frauenhäuser.

Tochterkirche, s. Filialkirche.

Tochterloge, s. Freimaurerei.

Töchter Mariens, s. Angeliken.

Töchterschulen, s. Höhere Schulen.

Tochtersprache, s. Sprachstamm.

Tockieren, s. Tokkieren.

Tocogonia (grch.), s. Zeugung.

Tocopilla, Ort, s. Algodonalesbai.

Tocqueville (spr. tock'wil), Alexis Clérel de, franz. Publizist und Staatsmann, geb. 29. Juli 1805 zu Verneuil (Seine-et-Oise), wurde nach Beendigung seiner jurist. Studien 1826 zum Instruktionsrichter in Versailles ernannt und 1831 von der Regierung beauftragt, das Strafsystem in den Ver-^[folgende Seite]