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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Variationsrecht - Varna
Variationsrecht (lat..sti8 vai-im^y, das Recht,
eine erklärte Entschließung, Z. B. eine getroffene
Wahl, aufzugeben und statt derselben eine andere
zu treffen. Das Recht steht, wenn nickt für den
einzelnen Fall durch Gesetz oder Vertrag etwas an-
deres bestimmt ist, so lange zu, als der Wahl noch
keine weitere Folge gegeben ist, z. B. der Schuldner
noch nicht den gewählten Gegenstand geleistet hat.
(Teutsches Vürgerl. Gesetzb. §8.262 fg.)' Bei öffent-
lichen Wahlen ist die Wahlhandlung mit der Wahl
geschloffen. Ein V. kann nicht in Frage kommen;
vielmehr wird, wenn der Gewäblte nickt annimmt,
eine Neuwahl erforderlick. Im Kirchenreckt bat der
Laienpatron bis zum Ablauf der kanonifcken Frist
von vier Monaten, solange eine bifchöfl. Entschei-
dung noch nicht erfolgt ist, das Recht, dem Bischof
noch nene Kandidaten zu präfentieren. Dies Recht
heißt hier V.
Variationston, der Ton, der anftritt, wenn
man den Ton einer Stimmgabel z. B. durch die
Locher einer rasck rotierenden Scheibe beobachtet,
wie dies Helmboltz, Stefan, Konig, Mach n. a. ge-
tban haben. Ist n die Schwingnngszahl der Gabel,
i^ die Zabl der in der Sekunde vorbeigehenden Löcher,
so bort man V. von den Schwingungszahlen n- i^
und ii ^ i^. Der V. ist seiner Entstehnng nach mit
dem Kombinationston (s. d.) sehr verwandt. Verkürzt
oder verlängert man rascb eine stark tönende Pfeife,
so daß der Ton von dcr Schwingnngszahl n auf i^
schleift, fo hört mau eineu tiefern Ton, n - n^, den
Dvoräk ebenfalls V. genannt hat. Er ist ein Kombi-
nationston, der dnrch das Zusammentreffen des ur-
sprünglichen Tons mit dem von den Zimmerwänden
reflektierten Ton (von anderer Tonhöhe) entsteht.
Varicellen (lat.), Spitzpocken, Wasser-
pocken, Windpocken, Sckaspockcn, eine Kin-
derkrankheit, die mit den Pocken gar nichts gemein
hat, sondern eine von diesen durchaus verschiedeue
Infektionskrankheit darstellt. Das überstehen der
wahren Pocken schützt nicht vor der Erkrankung an
V. und umgekehrt. Auch sind der Verlauf, die Form
und die Schwere der Erkrankung ganz anders wie
bei den Pocken oder den Varioloiden. Endlich ist das
Auftreten der V., das öfters in kleinen Epidemien
erfolgt, vollständig olme Zusammenbang mit Pocken-
epidemien; beide Epidemien können gleichzeitig oder
getrennt auftreten. Die V. treten entweder ohne
weiteres auf oder uach einem leickten llbelbefinden,
und verlaufen meistens fieberfrei. Der Ausschlag
zeigt sich in der Form von kleinen roten, vonein-
ander getrennten Flecken, auf denen sich nach einigen
Stunden linsen- bis erbsengroße, wasserbelle, später
trüb werdende Blascben bilden, die nur selten ver-
eitern und beim Abheilen keine Narben zurücklassen.
Die Bläschen breiten sich obne Regelmäßigkeit aus,
treten zuerst im Gesicht auf und werden am zabl-
reichsten auf Brust und Rücken. Diefelben sind in
4)-12 Stunden vollständig entwickelt und trocknen
schon am vierten Tage ein; durch unregelmäßige
Nachschübe kann sich jedoch die Krankheit bis 14 Tage
und länger hinzieben. Eine besondere Behandlung
erheischt die nngefährlicke Krankheit nicht, dock follen
die Kranken während der Daner des Ausfchlags das
Zimmer hüten und vor Diätfeblern fowie vor Er-
kaltungen bcwabrt werden.
Varicen (lat., Einzahl: vlli-ix), Krampfadern.
Varietät (lat.), Spielart.
Variieren (lat), verändern; abweichen, schwan-
ken. Nber V. in der Matbematik s. Kombination.
Varikocele (lat.-grch.), der Krampfaderbruch;
varikös (lat.), mit Krampfadern behaftet; Va-
rikosität, die krankhafte Anschwellung der Blut-
adern oder Venen.
Varmas, Stadt in Venezuela, s. Barinas.
Variolae <lat.), die Pocken (s. d.).
Va.ri0i3.ria. ^.c/t., früher eine Anzahl Flechten,
die nicht als selbständige Arten betrachtet werden
können, sondern Soredienzustände anderer Flechten
ls. d.) darstellen. Sie bilden einen grauen staubigen
Überzug auf Baumrinden oder Felsen. Die früher
als V. wctt^ /^i-5. bezeichnete Art enthält einen
roten Farbstoff.
Variolation (neulat.), Einimpfung der Men-
schenblattern ls. Impsuug).
Variolit (vom lat. vln-ioin, die Pocke), Blatt er-
stein, ein an den Diabas sich anschließendes Ge-
stein, das in einer schmutzig dunkelgrünen Grund-
masse helle grünliche Kügelchcn von 1 bis 5 min im
Durchmesser und von porzellanähnlichem Ausgeben
enthält; letztere verwittern schwerer und sind härter
als die Hauptmasse und treten daher an der Ober-
fläche halbkugelartig hervor oder erscheinen pocken-
narbenäbnlich. Die bald unregelmäßig verstreuten,
bald^eng gehäuften Kügelchcn sind Bildungen, die
den Sphärolithen in den Obsidianen nahe verwandt
erscheinen; bisweilen, wo ihre Struktur etwas deut-
licher wird, sind sie als aus verzwillingten Plagio-
klasen und skelettartigen Augiten aufgebaut zu er-
kennen. Die Grnndmasfe ist sebr zersetzt, reich an
Viridit und umgewandeltem Titaneisen.
Variolorden (lat. Vai-iolms), eine mildere
^orm der echten Pocken (s. d.), sonst aber mit
diesen identisch. Durch Übertragung der V. auf
einen Gefunden können sckwere Pocken, durch An-
steckung mit den echten Pocken nur V. entsteben.
Letzteres findet vorzugsweise in den feltenen Fällen
statt, in denen Geimpfte, bei denen der Impffckutz
kein ganz vollkommener war, angesteckt werden,
woher es kommt, daß die Pocken nicht mehr so ver-
beerend auftreten wie früher. Während früher von
den an den wabren Pocken Erkrankten der dritte
Teil, felbst die Hälfte starben, beträgt die Sterblich-
keit an V. nur 4 bis 5 Proz. Schon die dem Aus-
bruche des Pockenausschlags vorausgehenden Er-
scheinungen sind bei den V. milder als bei den echten
Pocken. Das Fieber ist geringer und von kürzerer
Daner; gewöhnlich schon am dritten Fiebertage zeigt
sich der Ausschlag. Nach 24 bis 3l5 Stunden sind
die Pockenbläschen ausgebildet, womit das Fieber
sein Ende erreicht. Bei den V. zerstören die Pusteln
die Haut nickt in dem Grade wie bei den echten
Pocken. Die Pusteln fließen viel feltencr zusammen,
dringen nicht so tief in die Haut ein und heilen
schneller (in drei bis vier Tagen) und obne Hinter-
lassung von Narben, auch ohne Fieber. Die Behand-
lung erfordert sorgfältiges diätetisches Verhalten,
Bäder, Waschungen und antifebrile Heilmittel.
Varisker, Varisten, gcrman.Volk,s.Narisker.
V3.rix (lat.), die Krampfader (s. d.).
Varmegye (spr. währmeddje), ungar. Ausdruck
für Komitat (s. d.).
Varna oder Warna, das alte Odessos, Haupt-
ort eines Kreises im Fürstentum Bulgarien, an der
Westküste des Schwarzen Meers, Endpunkt der Linie
Rnstschuk-V. (124 km), besitzt bis jetzt zwar nnr eine
offene Reede, ist aber der bedeutendste Seebandels-
platz zwischen der Donau- und Bosporusmündung,
Sitz eines griech. und eines bulgar. Metropoliten so-