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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Vasen

lichen und weiblichen Figuren durch schwarze und weiße Farbe gemeinsam, aber die Gewohnheit, den freien Raum zwischen den Figuren mit Rosetten und andern Ornamenten auszufüllen, ist ganz aufgegeben. Charakteristisch für die Gattung ist die Bevorzugung der Amphorenform und die Dekorierung mit einem um den Bauch des Gefäßes gelegten breiten Bildstreifen, in welchem Scenen aus dem Epos, wie der Kampf um die Leiche des Achilleus, der Abschied des Hektor und Paris, der Kampf des Herakles gegen Geryoneus u. a. dargestellt sind. Der Import dieser und ähnlicher Gattungen reicht nicht unter den Anfang des 5. Jahrh. v. Chr. hinab: Athen schlug seitdem alle übrige Konkurrenz auf dem ital. Markte aus dem Felde und behielt die alleinige Einfuhr durch das ganze 5. und halbe 4. Jahrh. hindurch. (S. Taf. Ⅰ, Fig. 1, 3 u. 6.) In ihren Anfängen ist die attische Töpferkunst weder durch selbständige noch durch hervorragende Leistungen ausgezeichnet. Sie folgt zunächst den Anregungen namentlich der ion., dann auch der korinth. Keramik, bis sie zu Anfang des 6. Jahrh. v. Chr. einen eigenen Stil in der sog. schwarzfigurigen Malerei ausbildete. Die attischen V. sind vor denen der übrigen Fabriken durch die Feinheit und die warme rote Farbe des Thons und durch den glänzend schwarzen Firnis ausgezeichnet. Der künstlerische Fortschritt besteht in der Ausbildung der bildlichen Darstellung und in der Umbildung des Ornaments, das jetzt aus der Gesamtdekoration mehr zurücktritt und nun, an bestimmte Stellen der Gefäße verwiesen, tektonische Bedeutung erhält, zur Charakterisierung einzelner Gefäßteile verwendet wird und dem Ganzen der Dekoration sozusagen als Begleitung dient. Für die Bilder gaben die Sagen des Epos reichlichen Stoff, aber auch Scenen des täglichen Lebens werden gern zur Darstellung gewählt. Eine besondere Reihe bilden die sog. Prothesisvasen, hohe amphorenartige Gefäße mit Darstellungen der Totenfeier bemalt, die als Schmuck auf dem Grabhügel aufgestellt wurden, und die panathenäischen Preisamphoren, die, mit Öl gefüllt, den Siegern am Panathenäenfeste übergeben wurden. (S. Amphora.) Vielfach finden sich die V. mit den Namen der Verfertiger versehen. So sind auf der Françoisvase (s. d.), dem Prachtstück der schwarzfigurigen attischen Keramik, die Namen des Malers, Klitias, und des Töpfers, Ergotimos, eingeschrieben. Andere hervorragende Meister sind Sophilos, Nearchos und dessen Söhne Tleson und Ergoteles, Exekias, Amasis, Nikosthenes. – Vgl. Klein, Die griechischen V. mit Meistersignaturen (2. Aufl., Wien 1887).

Der charakteristische Unterschied der rotfigurigen Vasenmalerei (s. Taf. Ⅰ, Fig. 2, 4, 5, 7‒9) von der schwarzfigurigen besteht darin, daß nicht die Figuren mit schwarzer Farbe auf den roten Thongrund gesetzt, sondern auf dem schwarz bemalten Grunde ausgespart sind und daher in der roten Farbe des Thons gesehen werden. Erst als dieser Fortschritt in der Technik gemacht war, war eine wirklich künstlerische Entwicklung des Zeichnens möglich geworden, die bei der frühern Silhouettenmanier nicht aufkommen konnte. Es wird plötzlich das Interesse an dem Bau und der Formenbildung des menschlichen Körpers rege. Die Figuren sind nun um ihrer selbst willen, nicht mehr bloß als Ausdrucksmittel zur Illustrierung einer bestimmten Begebenheit da. Die Vasenform, die in der Folge zum eigentlichen Träger der Entwicklung der Malerei wurde, war die Schale, welche neben den Außenseiten noch in dem kreisförmigen innern Rund eine Bildfläche hat. Man kann es an den zahlreichen Schalen des Epiktet, eines der ältesten Vorläufer des neuen Stils, verfolgen, wie die Schwierigkeiten, in diesen verhältnismäßig kleinen kreisrunden Raum eine figürliche Darstellung hineinzukomponieren, allmählich überwunden wurden. Die Körper wurden geneigt und gestreckt, damit ihre Konturen der runden Begrenzungslinie sich anpaßten. Hier treten nun zuerst die lebhaft bewegten Figuren auf, die später so beliebten und meisterhaft durchgeführten Motive des Werfens, Laufens, Springens, Tanzens, die Darstellungen von Bewegung jeder Art. Die Entwicklung ging mit raschen Schritten vorwärts. Es ist der kurze Zeitraum von der Herrschaft des Pisistratus, der die Erfindung des rotfigurigen Stils gleichzeitig ist, bis gegen die Mitte des 5. Jahrh. v. Chr., in den sich die Thätigkeit der hervorragendsten Meister zusammendrängt. Der bedeutendste, Euphronios, schließt zeitlich an Epiktet an. (Vgl, Klein, Euphronios, 2. Aufl., Wien 1886.) Neben ihm ragen die etwas jüngern Künstler Duris, Brygos, Hieron aus der Zahl der übrigen hervor. Scenen aus dem Leben werden bevorzugt, das Thun und Treiben der attischen Jünglinge und Männer, Vorgänge, wie sie sich auf der Straße, in der Palästra, beim Gelage abspielten, in buntem Wechsel geschildert. Man schrieb einzelnen Figuren bestimmte Namen bei: «Schön ist Panaitios», «Schön ist Kallimachos», und ähnliche Lieblingsinschriften, in denen die Vasenmaler ihren privaten Gefühlen Ausdruck gaben, fehlen nun selten auf den Bildern. (Vgl. Klein, Die griechischen V. mit Lieblingsinschriften, Wien 1890.) Diese Darstellungen, die den Betrachter direkt in das Athen der Perserzeit zurückversetzen, machen die V. mit zu den anziehendsten Werken aus dem griech. Altertum überhaupt.

Auch die Darstellungen mytholog. Scenen erscheinen nun gegenüber den ältern vielfach wie aus dem Neuen herausgebildet. Die Kraft der Schilderung, die packende Charakteristik bestimmter Figuren der Sage, wie sie namentlich in den häufigen Behandlungen des trojanischen Sagenkreises und am großartigsten vielleicht in der Iliupersisschale des Brygos und in der Vivenziovase zum Ausdruck gelangt ist, konnte zu der Meinung führen, die Tragödie des Äschylos und Sophokles habe hier ihren Einfluß geübt. Aber die Entstehungszeit dieser V. liegt der Entwicklungsperiode der dramat. Poesie voraus.

Im Gegensatz zu den früher betrachteten Gefäßgattungen tritt auf den Schalen das ornamentale Element zurück; auf wenige leicht hingeworfene Palmetten an den Henkeln, auf einen schmalen, um das Rund des Innenbildes herumgeführten Mäanderstreifen pflegt es sich zu beschränken. Schon wenige Jahrzehnte nach den Perserkriegen bricht die Schalenfabrikation in Athen plötzlich ab. Der Grund war nicht allein der, daß der Export attischer Waren nach Etrurien, dem Hauptabsatzgebiet der Schalen, von der Mitte des 5. Jahrh. v. Chr. an stark zurückging; einen wesentlichen Einfluß auf den Wechsel wird auch der Aufschwung der Malerei geübt haben. In den Wandgemälden, welche in den Hallen und Tempeln Athens erstanden, wurden zum erstenmal große, in freier Verteilung über weite Flächen gruppierte, von einem großen Gedanken einheitlich zusammengeschlossene Kompositionen gesehen. Diese Malerei