Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

267
Verhuel - Verjährung
über den Inhalt der Anklage zu vernebmen. Nacb
der Deutschen Strafprozeßordnung soll der Beschul-
digte befragt werden, ob er etwas auf die Beschul-
digung erwidern wolle, und soll ihm durch die Ver-
nebmung Gelegenheit zur Bescitignng der gegen
ilm vorliegenden Verdachtsgründe und znr Geltend-
inachung der zu seinen Gunsten sprechenden That-
sachen gegeben werden. Auch nach der Österr. Straf-
prozeßordnung ist der Angeklagte nur berechtigt,
der Anklage eine zusamnienbängende Ertlarnng des
Sachverhalts entgegenzustellen, kann aber nicht zur
Beantwortung der an ibn gerichteten Fragen vcr-
balten werden. Das österr. Verfabren kennt aufter^
dem in Schwurgerichtssachen ein sog. Präsidenten-
verbör: der Schwurgerichtsvorsitzende oder dessen
Stellvertreter oder der Vorsteher des Gerichtshofs
erster Instanz soll den in das Gefängnis eingelie-
ferten Angeklagten binnen 21 Stuuden vernebmen,
ob er an seinen in der Voruntersuchung abgegebe-
nen Auosagen etwas abzuändern oder hinzuzusetzen
babe. Vgl. §§. 136,190, 232, 242, 365 der Deut-
schen, A 198-200,220,240,245 der österr. Straf-
prozeßordnung.
Verhuel lspr. -böbl), Carel Henrik, Graf, erst
bolländ., dann franz. Admiral und Diplomat, geb.
l l. Febr. 1764 zu Doetinckem in Geldern, trat als
Kadett in die bolländ. Marine und nabm 1795 nach
der Vertreibung des Statthalters den Abschied. Ale"
1803 der Krieg zwischen Frankreich und England
wieder auszubrechen drohte, trat er wieder in den
Dienst seineo Vaterlandes und erbieltdenBefebl über
die Holland. Flottille am Terel. Er wurde 1804 zur
Unterstützung einer franz. Landung an der brit. Küste
als Vieeadmiral an der Spitze einer bolländ. Flottille
nach Boulogne gesandt und bestand unterwegs auf
der Höhe de5 5tap Guinez einen Kampf mit einer
starken Abteilung der brit. Flotte, die er zum Rückzug
zwang. 1806 zum Mitglied der Deputation gewäblt,
die im Namen der Batavischen Republik bei Napo-
leon um die Erhaltuug der Verfassung bitten mußte,
verlangte er dagegen im Namen der batav. National-
repräsentation Ludwig Bonaparte zum König von
Holland. Der neue König ernannte ihn zum Marine-
minister und Reichsmarschall und verlieh ibm aueb
den Titel eines Grafen von Hevenaar. In diese Zeit
soll jene intime Beziebung V.s znr Königin Hortense
ls. d.) gefallen sein, als dereil Frucht mall geneigt
war, den spätern Kaiser Napoleon Hl. anzuseben.
(Vgl. Nanroy, 1^68 86ci-6t8 äes L0Nci^ait6, Par.
1889.) 1807 ging V. als bevollmächtigter Minister
nach Paris. Nach der Vereinigung Hollands mit
Frankreich ll810) trat V. in franz. Dienste. 1813
und 1814 verteidigte er den Helder anf das bart-
näckigste gegen seine eigenen Landsleute und über-
gab diesen Hafen erst, nachdem die Verbündeten in
Paris eingezogen waren. Bei seiner Rückkehr nach
Frankreich ernannte ibn Ludwig XVlII. zum Gene-
ralinspecteur der Nordküsten. Weil er sich wäbrend
der Hundert Tage weigerte, gegen die Bonrbonen
zu dienen, bebielt er die Gunst des Hofs und wurde
1819 zum Paiv erboben. 1836 ging V. alö franz.
Gesandter nach Bei lin, wurde aber sehr bald zurück-
gerufen. Er starb 25. Okt. 1845 in Paris.
Verhüttung, die Gesamtheit der Prozesse, dnrch
welcke Metalle ans den Erzen gewonnen werden.
<S. Metallurgie.)
Veria, türk. Xln-alei-ic, Stadt im türt. Wilajet
Saloniki, am Fuße des 1600 in hoben Dora, des
sagenbenlhmtcn Ii6iinj08 der alten Griechen, un-
weit der Vistriea, an der Bahn Saloniki-Vitolia,
bat 6000 meist griecb. E.; Textilindustrie (Bade-
tücher). V. ist die große Stadt Veröa (Neri-lioea)
des Altertums.
Verifizieren (lat.j, die Wahrheit, Echtheit von
etwas dartbun; bewabrbeiten, beglanbigen; Veri-
fikation, Bewahrbeitung, Beglaubigung.
Veringen iVeringenstadt), Stadt, s. Bd. 17.
Vsrisnio lilal.), Bezeichnung für den rücksichts-
losen Naturalismus ls. d.) der Darstelluug, wie sich
diese Richtung in der Plastik, Malerei, Litteratur und
Musik des modernen Italiens herausgebildet hat.
Veritas <lat.), Wahrbeit.
Veritas, richtiger Bureau Veritas, inter-
nationale Gesellschaft für Schiffsklassifikation (s. d.),
welche auf dem enrop. Kontinent sowohl als auch in
den meisten überseeischen Hafenplätzen neben dem
Llovd (s. d.) in London und in Hamburg den ersten
Rang einnimmt. Das Institut hat in Paris und in
Hamburg seinen Sitz; co wnrde 1828 gegründet und
nabm besonders uutcr dem Direktor Charles Bal
raschen Aufschwung. Das Bnreau in Hamburg leitet
das deutsche Geschäft selbständig. Die Bauvorschrif-
ten für Segler und Dampfer sind eingehend, und nur
wenn ein Schiff allen vorgeschriebenen Bauregeln
in Bezug auf Stärke und Üualität des Materials,
Verbindung und Verbolznng der einzelnen Teile
untereinander, Arrangement der Takclnng, Anlage
der Maschinen u. s. w. entspricht, kann es eine Klasse
von dem Bureau bekommen. Die von dem Institut
klassifizierten und beanfsichtigten Schiffe werden all-
jährlich in einem Register alphabetifch veröffentlicht.
Außerdem giebt das Bureau noch alljährlich in
zwei, etwa je 1000 Seiten starken Bänden ein Gc-
neralregister der Segler aller Nationen über 50 Re-
gistertons und der Dampfer über 100 Register-
tons beraus, gleichviel ob die Schiffe beim V. klassi-
fiziert sind oder nicht. Die Gesellschaft hat fast in
allen Häfen der Welt Agenten und Sachverständige,
so daß die Klasse eines Schiffs, wenn sie abgelaufen,
selbst in den abgelegensten Häfen erneuert werden
kann. Seit Frübjabr 1895 ist mit dem Germani-
schen Llovd ein Übereinkommen dahin getroffen, daß
auch von der andern anerkannt werden.
Verität llat.), Wabrheit, f. Bonität.
Verjährung, der Verlust von Reckten, welcher
infolge ibrer Nichtausübung während eiues durch
das Gesetz bestimmten Zeitraums eintritt, über den
Unterschied von V. und Ersitzung s. d. Eine von der
Anspruchsverjä'brung ls. d.) verschiedene erlöschende
V. gilt namentlich bei dinglichen Rechten, insondcr-
beit bei Dienstbarkeiten ls. d.). Persönliche Tienst-
barkeiten und solche Grunddienstbarkeiten, welche
zu einzelnen sich wiederholenden Handlungen berech-
tigen, wurden bisber durch bloße Nichtausübung
während der Verjä'hrnngszeit aufgehoben. Den
Gegensatz bildeten Grunddienstbarkeiten, welche ein
Recht anf einen dauernden Znstand der herrschenden
oder dienenden Sache geben, z. B. Wasscrlaufservi-
tuten oder eine Aussichtsdienstbarkeit, das Recht
einen Balten in fremder Mauer zu haben u. s. w.
Hier war sog. Ersitzung der Freiheit (lat. i^ueapjo
Udorwtiß) erforderlich, d. h. es mußte ein durch
menschliche Tbätigkeit bervorgerufener Znstand,
welcher der Dienstbarkeit widersprach, die Verjäh-
rungozeit hindurch bestanden haben, also die Aus-
sicht verbaut, dic Röbren weggenommen sein u.s. w.
Das Deutsche Bürgert. Gesetzbuch kennt wegen des