Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

294
Versöhnungstag - Verstählen
religiös-sittlichen Vorgang, d. h. als .Herstellung
des normalen religiösen Verhältnisses des Men-
schen zu Gott, hervorgetreten zuerst in Christi Per-
son und durch ihn erhoben zu einer religiös-sitt-
lichen Lebensmacht im einzelnen wie in der christl.
Gemeinschaft. - Vgl. Baur, Die christl. Lehre von
der V. (Tüb. 1838)- Ritschl, Die christl. Lehre von
der Rechtfertigung und der V. (3. Aufl., 3 Bde.,
Bonn 1888--89 s 3. Bd., 4. Aufl., 1895); Häring,
Zur Versöhnungslehre (Gott. 1893).
Versöhuungstag (hebr. jöm ii^ippuiim).
Der V. am 10.' des 'Monats Tischn ls. d.) kommt
nur in der Gesetzgebung 3 Mos. 1<i und 23,20 fg.
und 4 Mos. 29,7 fg. vor, nirgends in der ältern
Gesetzgebung und in keiner vorexilischen Nachricht.
Ezechiel hat statt seiner zwei V. am Neumond des 1.
und 6. Monats. Der V. entspricht den Reiniguugs-
festen der alten heidn. Religionen und hat nichts
mit Versöhnung im christl. Sinne zu thun. Der
große V. ist ein durch den Priestercoder eingeführ-
ter, das System der ältern Feste durchbrechender
Fasttag, zum Zwecke der Beseitigung jeder Verun-
reinigung des Heiligtums. Er ist durch Eabbatruhe
und strenges Fasten zu feiern und der einzige Fast-
tag, den das Gesetz vorschreibt. An ihm entsühnt
der Hohepriester das Heiligtum. Der große V. ge-
wann nach seiner Einführung trotz des an ihm zu
übenden Fastens infolge der mit ihm verbundenen
priesterlichen Schaustellung sehr im Widerspruch
mit den Intentionen des Priestercoder den Cha-
rakter eines geräuschvollen Voltsfestes. Erst mit
der durch Zerstörung ihrer polit. Selbständigkeit
eingetretenen Zerstreuung der Juden über alle
Länder erhielt der Tag, angemessen der einge-
tretenen ernstern Stimmung, den ihm jetzt eignen-
den strengern Charakter eines Bußtags, der ganz
in Fasten und Gebet und zwar ununterbrochen in
der Synagoge begangen wird. Im Volksmunde
wird der V. auch langer Tag genannt. (^>. auch
Asasel.)
Versorgungsanftalten, vorzugsweise die nach
den Grundsätzen des Versicherungswesens eingerich-
teten Anstalten, die den Beteiligten von einem ge-
wissen Alter an oder auch bei Eintritt von Erwerbs-
unfähigkeit infolge von Unfall Leibrenten oder
einmalige Kapitalauszahlungen gewähren, auch
wohl die Auszahlung von Witwen- und Waisen-
pensionen übernehmen. Von den gewöhnlichen Ver-
sicherungs- und Rentenanstalten unterscheiden sie
sich durä) einen mehr gemeinnützigen Charakter so-
wie dadurch, daß sie vorzugsweise auf die Bedürf-
nisse der weniger bemittelten Klassen berechnet sind.
Manche haben sogar in ausgesprochener Weise den
Charakter von Wöhlthätigteits- oder wenigstens von
öffentlichen socialpolit. Anstalten. Hierher gehören
namentlich die Knappschaftokassen (s. d.) und die
öffentliche Unfallversicherung (s. d.) in Deutschland,
wenigstens soweit diese Institntionen die Versorgung
der Invaliden und ihrer Hinterbliebenen gewähren.
Die Fürsorge für bloft zeitweilig erwerbsunfähige
Kranke und Verwundete ist nicht Aufgabe der eigent-
lichen V., sondern der Krankenkassen (s. d.) und des
betreffendenZweigsderUnfallversicherung. Eine all-
gemeine, obligatorische, staatliche Altersversorgung
ist bisher noch nirgends praktisch versucht worden
und würde auch ohne Zweifel anf sehr große Schwie-
rigkeiten stoßen. Dagegen besteht in Frankreich seit
1850 unter staatlicher Garantie und mit staatlicher
Unterstützung eine ('ai^ ät^ i'<>t!'l,it68 iwuv 1u
vi^i11"886 (s. d.), welche unter sehr günstigen Be-
dingungen Altersrenten früher bis zu 1500, jetzt bis
zu 1200 Fr5. gewährt. In Deutschland bildet die
Kaiser-Wilhelm-Spende den Versuch einer gemein-
nützigen Stistung für Altersrenten- und Kapital-
versicherung. Aus dem Grundsatze der Selbsthilfe
beruhen die Invalidenkassen der Gewerkvereine, die
indes nur bei Arbeitsunfähigkeit infolge von Unfall-
oder Alter Pensionen zusichern.
Zu den V. sind auch die verschiedenen Stiftungen,
Pfründnerhäuser, Asyle, Hospitäler u. s. w. zu rech-
nen, die gegen eine geringe Einkaufssumme oder
unentgeltlich alte oder erwerbsunfähige Personen
gewisser Kategorien zur Naturalversorgung auf-
nehmen. Es sind dies meistens eigentliche Wohl-
thütigkeitsanstalten.
Versorgungsbrief,sovielwiePanisbrief^s.d.).
Versovice (spr. we'rschowize), czech. Name von
Wrschowitz, Vorort von Prag (s. d., Stadtplan).
Versprechen, abstraktes, s. Formalvertrag.
Versprechen oder Besprechen, eine mit der
Magie verwandte Art von abergläubischen Hand-
lungen, die in Anwendung gebracht werden, um die
Fortdauer nachträglich wirkender oder gefahrdrohen-
der Zustände aufzuhalten. So werden namentlich
besprochen Krankheiten, Wunden, fließendes Blut,
Feuer u. dgl. Das Besprechen geschieht durch ge-
wöhnlich mit besondern Ceremonien und Gebräuchen
verbundene Hersagung bestimmter Beschwörungs-,
Verwünschnngs - und Segensformeln, die auch
schlechthin Segen genannt werden. In Deutsch-
land war das V. allgemein üblich und kommt
noch jetzt ziemlich häufig in Anwendung; zahlreiche
Segen haben sich teils in Handschriften, teils in
der lebendigen Überlieferung des Volks erhalten.
(S. Zaubersprüche und Zaubersegen.)
Verstaatlichung, die Übertragung eines Zwei-
ges der volkswirtschaftlichen Thätigkeit auf den
Staat. Es kann dies, wie bei den Steuermono-
polen, lediglich im fiskalischen Interesse gescheben,
dann ist eine socialwirtschaftliche Wirkung unmittel-
bar nicht beabsichtigt. Weit bedeutfamer ist es, wenn
man bei der V. eines Betriebszweigs von dem Ge-
sichtspunkte ausgeht, daß er in den Händen des
Staates dem allgemeinen Interesse am besten dienen
werde. Zur allgemeinen Geltnng ist diese An-
schauung in betreff der Post gelangt, noch nicht so
vollständig aber bei der Telegraphie (s. Telegraphen-
Verkehr), die in den Vereinigten Staaten von Amerika
noch immer von Privatgesellschaften betrieben wird,
und ebenso beim Fernsprechwesen, das im Privat-
betriebe z. B. in Holland, Schweden, den Vereinigten
Staaten u. s. w. ist. Das Telegraphenregal wurde
in England 1869, in Deutschland 1892 unzweifel-
haft festgestellt. Die Eisenbahnen sind in vielen
Ländern von Privatgesellschasten gebaut und später
verstaatlicht worden, und je mehr sie zu ihrer vollen
Ausbreitung und Wirksamkeit gelangen, um so ge-
wichtigere Gründe ergeben sich für die V. aller
Bahnen. (S. Eisenbahnpolitik.) Von mancher Seite
wird auch die V. des Notenbankwesens, die in
vielen Ländern besteht, ferner die des Versicherungs-
wesens, der Elektricität, des Bergbaues u.s.w. vor-
geschlagen. (S. Sociale Frage 3.) Der Socialis-
mus (s. d.) erstrebt V. des Grund und Bodens sowie
aller Produktionsmittel, l^. auch Grundeigentum
und Landliga.)
Verstahlen, das Verfahren, aus weichem Eisen
geschmiedete Gegenstände mit Stadl zu verbinden