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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Volkmanns Collodin - Volksbibliotheken
drei Serenaden für Streichorchester (die bekannteste
in ^-äur), ein Klavierkonzert, ein Violoncellokon-
zert (eins der bedeutendsten und schönsten dieser Gat-
tung), mehrere größere Gesangwerke mit Orchester,
sechs Streichquartette und zwei Klaviertrios, eine
Sonate, ein größeres Variationswerk und viele klei-
nere Stücke für Klavier allein, ein- und mehrstim-
mige Lieder, Messen u. s. w. Von seinen Vokal-
tompositionen ist die Motette "Weihnachtslicd" be-
sonders bekannt. In den instrumentalen Kompo-
sitionen bekundet sich V. als eins der bedeutendsten
Talente der deutschen Musik nach Beethoven. -
Vgl. B. Vogel, Robert V. in seiner Bedeutung als
Instrumental- und Vokalkomponist (Lpz. 1875).
Volkmanns Collodin, s. Collodin.
Volkmar, Gustav, prot. Theolog, geb. 11. Jan.
1809 zu Hersfeld in Hessen, studierte in Marburg,
war seit 1833 Gymnasiallehrer in Rintcln, Cassel,
Hersfeld, Marburg und Fulda, wurde aber infolge
einer gegen das Ministerium Hasscnpflug gerichte-
ten Flugschrift: "Der Kriegszustand in Aurhcsjen"
(anonym; Fulda 1850), abgesetzt. V. habilitierte sich
nun für neutestamentliche Kritik und urchristl. Ge-
schichte an der Universität Zürich, wo er 1858 außer-
ord., 1863 ord. Professor der Theologie sowie 1869
vom Kantonsrate in den Kirchenrat gewählt wurde.
Er starb daselbst 10. Jan. 1893. V. veröffentlichte:
"Das Evangelium Marcions" (Lpz. 1852), "über
Justin den Märtyrer und sein Verhältnis zu unsern
Evangelien" (Zur. 1853), "Die Quellen der Ketzer-
geschichte bis zum Nicaenum" (Bd. 1: "Hippolyt und
die Philosophumena", gegen Vaurs "Cajushypo-
these", ebd. 1855), "Die Religion Jesu und ihre erste
Entwicklung" (Lpz. 1857), "Handbuch der Einleitung
in die Apokryphen" (2Tle., Tüb. 1860-63), "(5red-
ners Geschichte des neutestamentlichen Kanons" laus
dessen Nachlaß, Berl. 1860), "Kommentar zur Offen-
barung des Johannes" (Zur. 1862), "Der Ursprung
unserer Evangelien" (ebd. 1866), "Moses Prophetic
und Himmelfahrt" (Lpz. 1867), "Die Evangelien oder
Markus und die Synopsis der kanonischen und außer-
kanonischen Evangelien, mit Kommentar" (ebd. 1869;
2. Aufl., Zür.1876), "Zwingli, fein Leben und Wir-
ken" (Zur. 1870), "Die röm. Papstmythe" (ebd. 1873),
"Die Herkunft Jesu Christi nach der Bibel selbst" (ebd.
1874), "Die neutestamentlichen Briefe erklärt" (Vd.1:
"Paulus'Römerbrief", ebd. 1875), "Die kanonischen
Synoptiker und das Geschichtliche vom Leben Jesu"
(ebd. 1877), "Jesus Nazarenus und die erste christl.
Zeit" (ebd. 1882), "Die neu entdeckte urchristl. Schrift
'Lehre der zwölf Apostel an die Völker', deutfch her-
ausgegeben und erklärt" (ebd. 1885; 3. Aufl. 1887),
"Npi8tulü loi^cin'pi ßm^rnaoi ^onnina" (ebd.
1885), "Paulus von Damaskus bis zum Galater-
brief" (ebd. 1887).
Volkmarsdorf, Stadtteil von Leipzig (s. d.).
Volkmarsen, Stadt im Kreis Wolfhagen des
preuß. Neg.-Bez. Cassel, rechts an der Twiste, an
den Nebenlinien Warburg-Korbach und V.-Wolf-
hagen (10,9 Kin) der Prcuß. Staatsbahnen, Sitz
eines Amtsgerichts (Landgericht Casfcl), hat (1895)
2491 E., darunter 477 Evangelische und 89Israeli-
ten, Post, Telegraph, Fernsprecheinrichtung, kath.lmd
evang. Kirche, Synagoge, Armenspital, Kranken-
haus; Ziegelei, Brauereien, Sandsteinbrüche, Torf-
stich, Flachshandel und großartige Wicsenmeliora-
tionsanlagen. Nahebei die Ruine derKu g e lnbur g.
Volksabstimmung, s. Plebiscit, Referendum.
Volksbanken, s. Vorscbuß- und Kreditvereine.
Volksbewaffnung, die Wehrhaftmachung eines
ganzen Volks und Verwendung desselben zu kriege-
rischen Zwecken (VolksHeer). Sie ist aber nur in
der Form der allgemeinen Wehrpflicht, wic sie nach
dem Vorbilde Preußens von den meisten Staaten
angenommen ist, nützlich, da ein Massenaufgebot
ohne Anlehnung an entsprechende ständige mmtär.
Organisationen nach allen Erfahrungen zu un-
berechenbarer Selbstschädigung führt, wie die Ver-
luste gezeigt haben, die das Volksheer der Vereinig-
ten Staaten von Amerika während des Secessions-
krieges herbeigeführt hat. Auch der Deutsch-Fran-
zösische Krieg von 1870 und 1871 hat die Schädlich-
keit des Heranziehens der nichtmilita'r. Bevölkerung
Frankreichs bestätigt. Eine Art V. war auch die
1789 zu Paris errichtete Nationalgarde (s. d.), fer-
ner die Kommunalgarden, Bürgergarden u. s. w.
Volksbibliotheken, eine Gattung von Bücher-
sammlungen, die wie die wissenschaftliche Bibliothek
(s. d.) der gelehrten Forschung, so den IntercNen
aller Berufs- und Vildungsschichten der Bevölke-
rung dient. Ihr Zweck ist 1) allgemeine Bildung
zu verbreiten, und zwar a. wissenschaftliche. Zu
diefem Behuf führt sie solche Werke der wissenschaft-
lichen Litteratur, die nach Form und Inhalt auck
für den Nichtfachmann geeignet find, aus allen Ge-
bieten mit Bevorzugung der Gefchichte (Biographie),
der Erdkunde, insbcfondcre Heimatkunde (Reisen),
der Socialwmenschaft und Naturkunde, d. Littera-
rische und künstlerische Bildung: dieser dienen einer-
seits die besten Werke der schönen Litteratur mit
Bevorzugung des künstlerisch wertvollen Romans,
andererseits Reproduktionen von Werken der bilden-
den Kunst. c. Ethische: dies thut sie schon durch ihre
bloße Existenz, indem sie schlechte Lektüre verdrängt
und dem Wirtshausleben entgegenarbeitet. 2) Soll
sie edle Unterhaltung bieten, soll aber zu diesem
Zweck dem künstlerisch minderwertigen Roman keine
Zugeständnisse machen. 3) Soll sie die jeweils am
Orte bestehenden Berufszweige fördern, indem sie
entsprechende Fachlitteratur führt. Aus allen ge-
nannten Gebieten hält sie Zeitschriften. 4) ^oll sie
über die Tagesereignisse auf allen Gebieten des
öffentlichen Lebens unterrichten und hält deshalb
allgemeine Zeitschriften und Zeitungen in religiös
und politisch unparteiischer Auswahl. Sie wird be-
nutzt 1) durch Ausleihen; die Bedingungen sollen
liberal sein, die Benutzung womöglich frei und ohnc
Pfand oder Bürgschaft. 2) Durch Lesen in Lese-
zimmern (Volkslesehalle n), die mit Nachschlage-
werken und den neuen Nummern der Zeitschriften
und Zeitungen ausgestattet und womöglick bis zum
späten Abend geöffnet sind. Bibliotheken mit diesem
Programm sind in Deutschland schon vor 00 Jahren
von Karl Prcuster gesordert worden, aber nur in
England und den Vereinigten Staaten als I'udlic
I^idi'ai'io" zu fast ständigen, meist kommunalen Ein-
richtungen geworden, reich ausgestattet, viel durch
Schenkungen bedacht und von allen Volkskrcisen stark
benutzt. In Deutschland hatte sich bis vor kurzem
nur die untere Stufe, die Volksbibliothek ent-
wickelt, meist karg ausgestattet und ohne Lesesaal.
Die in den letzten Jahren erfolgte Gründung freier
öffentlicher Lesehallen in zahlreichen Städten, teils
von Vereinen, tcils von den Kommunen aus, sowie
die Erfolge Reyers in Osterreich und das Vorbild
von Ottendorfers nach amerik. Muster eingerichteter
Freier Volksbibliothek in Zwittau (Mährens scheinen
cinm völligen Umschwung einzuleiten.