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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Volkswirtschaftspolitik - Volkswirtschaftsrat
deren Organ, die Staatsgewalt. Mit dem zweck-
mäßigen Verhalten dieser beschäftigt sich dieVolks -
Wirtschaftspolitik, die in Unterabteilungen zer-
fällt: Agrar-, Gewerbe-, Handels- und Verkehrs-
politik, Socialpolitik (s. d.). Als dritter Teil pflegt
endlich uoch die Finanzwifsenschaft angefügt
zu werden, deren Gegenstand der Staatshaushalt
bildet, der von größter Bedeutung für die Volks-
wirtschaft selbst ist. Verwandte Disciplinen sind die
Wirtschaftsgeschichte, die Wirtschaftsstatistik u. s. w.
Zuweilen wird die V. (mit Ausschluß der Finanz-
wissenschaft) auch gegliedert in einen allgemeinen
und einen speciellen Teil; dieser enthält das
nur auf bestimmte Hauptthätigkeitszweige (Land-
wirtschaft, Gewerbe, Handel u. s. w.) Bezügliche,
während jener die Grundbegriffe und das bei allen
Wiederkehrende umfaßt. Die V. gehört zu den
Eocialwissenschaften (s. Sociologie); sie betrachtet
gesellschaftliche Erscheinungen, d. h. Vorkommnisse
und Thatsachen, die aus dem Zusammenleben der
Menschen hervorgehen. Dabei kann sie aber nicht
das Verhalten des Einzelnen außer Betracht lassen,
denn dieses ist ja das Element der volkswirtschaft-
lichen Erscheinungen. So geht die gesellschaftliche
Thatfache z. B. des Marktpreises aus zahllosen
Wertschätzungen Einzelner hervor; die Erklärung
des Marktpreises, seine Höhe und Bewegung u. s. w.
mühte unvollständig bleiben, solange nicht geklärt
ist, wie der Einzelne bei seinen Wertschätzungen,
Anerbieten u. s. w. vorgeht, d. h. welche psychischen
Vorgänge und praktischen Erwägungen Angebot und
Nachfrage beherrschen.
Wirtschaftliche Fragen wurden bereits im Alter-
tum behandelt (Aristoteles, Plato, Fenophon); im
Mittelalter treten sie als Beiwerk in theologischen,
ethischen u. s. w. Schriften auf; nur das Münzwesen
erhält frühzeitig eine eigene Behandlung (Oresmius,
gest. 1382). Eingehender werden Forschung und
Darstellung seit Ende des 16. Jahrh, und im Laufe
des 17. Jahrh. (Bodinus, Eerra, Mun u. a.); es
entwickelt sich das Merkantilsystem (s. d.) mit scharfer
Betonung und häufig arger Übertreibung der Be-
deutung des Geldes oder der Edelmetalle für die
Volkswirtschaft, sowie absolutistischem, auf Erweite-
rung des Thütigkeitskreises von Fürst oder Staat
abzielendem Charakter. Hauptvertreter in praktischer
Hinsicht ist Colbert (s. d.) in Frankreich, weshalb
man auch von Colbertismus spricht. Das zweite
System bildet der von Quesnay (s. d.) begründete
Physiokratismus (s. d.), der von einer Überschätzung
der Produktivität der Landwirtschaft ausging. Von
größerer Bedeutung, wenngleich vieles den Physio-
kraten entlehnend, ward das von Adam Smith (s. d.)
begründete dritte, das Industriesystem, das die
Arbeit im allgemeinen als Quelle des Reichtums
bezeichnete. Die sog. klassische Schule zeichnet sich
durch präcise Fassung der theoretischen Grundlehren
sowie durch Abneigung gegen Eingriffe des Staates
in die wirtschaftlichen Dinge aus. Dies wurde
theoretisch und praktisch verfochten durch die sog.
Freihandelsschule (s. Freihandel und Frcihandels-
partei); zum Teil war das sehr verdienstlich, insofern
es sich um die Abschaffung veralteter Einrichtungen
handelte, zum Teil führte es zu schlimmen Einseitig-
keiten, namentlich auf Handels- und focialpolit. Ge-
biete. Infolgedessen entstand in Deutschland durch
List (s. d.), in Amerika durch Carey (s. d.) eine pro-
tektionistische Gegenströmung (s. Schutzzollsystem);
ferner später eine nationalökonomische Richtung,
welche überdaupt die Auswüchse der freien Kon-
kurrenz durch staatliches Eingreifen beseitigen will
(s. Socialpolitik). Wissenschaftlich hochbedeutsam ist
die in Deutschland durch Röscher, Knies u. a. ange-
regte und vertretene histor. Auffassung der wirtschaft-
lichen Erscheinungen, die namentlich Anlaß gab
zum Entstehen einer reichen, die Einzelheiten des
wirtschaftlichen Lebens geschichtlich und statistisch er-
forschenden Litteratur. Ihr gegenüber steht in der
neuesten Zeit eine andere Richtung, namentlich von
österr. Nationalökonomen (C. Menger, von Böhm-
Vawerk u. a.) vertreten, welche wieder die deduktive
Forschung in den Vordergrund stellt. Von bedeuten-
der Einwirkung ist auch der Socialismus (s. d.).
Mit dem Wachsen der socialen Bewegung und der
Komplikation der wirtschaftlichen Angelegenheiten
infolge des Kulturfortschritts hat die V. auch eine
wachsende Beachtung sich erobert; insbesondere er-
führt sie Pflege auf den Universitäten, wo sie, was
das Deutsche Reich anbelangt, in der Regel der phiws.
Fakultät, bisweilen auch der juristischen, zugewiesen
ist; an den Universitäten Straßburg und Würzburg,
welche eine rechts- und staatswissenschastliche Fakul-
tät besitzen, ist sie dieser, in München der staats-
wirtschaftlichen Fakultät zugeteilt.
Von den größern Lehr- und Handbüchern smd
namentlich die Werke von Röscher, Wagner, Schaffte,
Menger u. a. zu nennen. Besondere Erwähnung
verdienen: das von G. von Schönberg unter Mit-
wirkung einer großen Anzahl von Gelehrten heraus-
gegebene Handbuch der polit. Ökonomie (3. Aufl.,
3 Bde., Tüb. 1890-91; 4. Aufl. 1896 fg.); ferner
das von Conrad, Elster, Lexis und Loening heraus-
gegebene Handwörterbuch der Staatswissenschaften
(6 Bde., Jena 1890-94; 1. Supplementband, 1895),
endlich das im Erscheinen begriffene, auf etwa 30
Bünde berechnete Hand- und Lehrbuch der Staats-
Wissenschaften (Leipzig, seit 1893), hg. von K. Fran-
kenstein. Für die Geschichte der V. sind wichtig aus
neuerer Zeit: Eugen Dühring, Kritische Geschichte
der Nationalökonomie und des Socialismus (3. Aufl.,
Lpz. 1879); Kautz, Theorie und Geschichte der Na-
tionalökonomie, Tl. 2 (Wien 1860); Röscher, Ge-
schichte der Nationalökonomik in Deutschland (Münck.
1874); Eisenhart, Geschichte der Nationalökonomit
(2. Aufl., Jena 1891); Mor. Meyer, Die neuere Na-
tionalökonomie (4. Aufl., Minden 1885); Ingram,
^ Iiistor^ ok politiclli oconoiu^ (Edinb. 1888);
Geschichte des Socialismus in Einzeldarstellungen
(Stuttg. 1895 fg.). Mre.
Volkswirtfchaftspolitik, s. Volkswirtschafts-
Volkswirtschaftsrat, ein in Preußen durch
Verordnung vom 17. Nov. 1880 eingesetztes Kol-
legium von Sachverständigen, das über wichtige,
die Interessen von Handel, Gewerbe, Land- und
Forstwirtschaft betreffende Gesetzentwürfe, insbeson-
dere auch über die hierher gehörigen Anträge beim
Bundesrat mit beratender Stimme sein Gutachten
abgeben sollte. Er hatte sein Vorbild in dem in
Frankreich bestehenden Oon86i1 8up6rie>ur <3n com-
iu6rc6, cle I'^^iieuituro et clo I'incluZtiis. Er be-
stand aus 75 Mitgliedern, die von den Ministerien
.des Handels, der öffentlichen Arbeiten und der Land-
wirtschaft, zum Teil (45) auf Vorschlag der Handels-
kammern, kaufmännischen Korporationen und land-
wirtschaftlichen Vereine, zur Berufung prüfentiert
wurden. Dem Plan der preuß. Regierung, den-
selben zu einem deutschen V. zu erweitern, wider-
stand der Reichstag, indem er die hierfür geforderten