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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Vorsterman - Voruntersuchung
psychisches Phänomen hat Brentano das Vorstellen
betrachtet. Dagegen ist die große Mehrzahl der
Psychologen der Ansicht, daß man von dem Gegen-
stande einer V., im Unterschiede von deren Inhalt,
nur reden könne, insofern man noch ein besonderes
Wissen davon habe, und daß eine besondere vor-
stellende Thätigkeit als ein eigentümliches psychi-
sches Phänomen nicht existiere. Danach wäre der
Inhalt das in der V. thatsächlich allein Vorhan-
dene. Mit Rücksicht auf die Bedeutung der V. für
die Erkenntnis redet man vonWabrneh mungs -,
Erinnerungs- und Phantasievorstellung.
Die erstern, auch einfach Wahrnehmungen ge-
nannt, beziehen sich auf einen gegenwärtigen, also
die Sinne des Wahrnehmenden affizierenden Gegen-
stand. Die Erinnerungsvorstellung richtet sich auf
ein Vergangenes; die Phantasievorstellung besteht
in einer freien und neuen Kombination bekannter !
Vorstellungselemente und kann sich auf etwas Zu-
künftiges beziehen. Zwifchen Wahrnehmung und
Anschauung macht man, wenn überhaupt, den
Unterschied, daß man den letztern Begriff auf die
räumlich-zeitlich bestimmten Wahrnehmungen ein-
schränkt. Die nicht weiter zerlegbaren Bestandteile
einer V. nennt man Empfindungen, über die
Reproduktion und Association der V. s. Ideenasso-
ciation. Die Unterscheidung von Einzel- und
Allgemeinvorstellungen, die früh er b eso nd ers
zu logischen Zwecken stattfand, indem man die letz-
tern als die Vorstellungsäquivalente der Begriffe
ansah, hat seit Berkeleys scharfer Kritik diefer "rea-
listischen" Meinung ihre Bedeutung verloren. Da-
gegen hat sich noch immer die Annabme unbe-
wußter V. bei denen erhalten, die das Bewußtsein
nur als eine Seite oder Eigenschaft des psychischen
Seins betrachteten. Zumeist wird gegenwärtig das
Unbewußte nur insofern anerkannt, als es mit dem
Unbemerkten sich deckt. So ist in der V. eines
Klanges irgend ein bestimmter mitwirkender Ober-
ton eine unbewußte Empfindung, sofern er nicht
als solcher herausgehört wird. Auch die angebo-
renen V., von denen seit Platon in den Kreisen
rationalistischer Mctaphysiker viel geredet wurde,
und die in der modernen Biologie wieder Verwen-
dung gefunden haben, sind unbewußte V. Die An-
sicht, daß in der V. die Grundfunktion des Seelen-
lebens zu erkennen sei, wird Intellektualis-
mus genannt. Leibniz und Herbart sind die Haupt-
vertreter dieses Standpunktes. Im Gegensatz dazu
sind Schopenhauer, Wundt u. a. der Meinung, daß
der Wille die wesentliche ursprüngliche Funktion sei,
und bekennen sich demnach zum Voluntarismus.
- Vgl. K. Twardowski, Zur Lehre vom Inhalt und
Gegenstand der V. (Wien 1894).
Vorsterman, Lucas, vläm. Kupferstecher, geb.
1578 zu Antwerpen, gest. nach 1656, ging 1624
nach England, wo er acht Jahre lang für Karl I.
und den Grafen von Arundel thätig war. Er gehört
zu den bedeutendsten Stechern in Rubens' Schule,
dessen Bilder, wie die anderer Holland, und vläm.
Zeitgenossen (van Dyck, Seghers u. a.), er meisterhaft
wiederzugeben verstand. - Vgl. Hymans, I^nca8 V.
(^t^Io^n6 I-H180NN6 ä6 80N WNVI-6 (Brüss. 1893).
Vorstoß, soviel wie Passepoil (s. d.).
Vorsträucher, s. Strauch.
Vorteig, s. Brot und Brotbäckerei.
Vorteil, s. Conimoäum.
Vorticelltden (Voi-ticellläac;), Glockentier-
chen, Familie der Wimperinfusorien (s. d.) mit
Brockhalls' Konversations-Lexikon. 14. Aufl.. XVI.
glockenförmigem Leib, am Mundende mit einer
Wimperspirale, gestielt, aber ohne Gehäuse, meist
Kolonien bildend. Die V. können ihren Stiel durch
Spiralbildung verkürzen und durch Vorschnellen
und Strecken verlängern. Die Kolonien kommen
durch fortgesetzte Lüngsteilung der Einzeltiere zu
stände. Die Arten der Gattung Vorticella bilden
meist keine Kolonien, wohl aber die der Gattung
(^rck68iniu. Bei der Gattung NpistMs sind die
Stiele starr und unbeweglich.
Vortrab, s. Avantgarde.
Vortragsverband, Deutsch er, früher D eut-
scher Verband von Vereinen für öffentliche
Vorträge, s. Kaufmännische Vereine.
Vortragszeichen, in der Musik Zeichen, die
den Noten beigefügt sind und den Grad der Stärke
und schwäche, das Binden oder Abstoßen, das An-
schwellen und Abnehmen der Töne, das Zögern und
Beschleunigen der Tempos u. s. w. andeuten.
Vortrupp, s. Avantgarde.
Vorübergang des Merkur und der Venus vor
der Sonne, s. Durchgang.
Voruntersuchung, dasjenige Verfahren, wel-
ches den gemeinen deutschen Strafprozeß bis zum
Urteilsspruch bildete, im heutigen Strafprozeß aber
nur einen Abschnitt ausmacht, der überdies nur für
schwerere Straffälle notwendig ist. Über die Fälle,
wann V. notwendig, wann zulässig ist, s. Unter-
suchungsrichter. Die V. unterscheidet sich von dem
Ermittelungsverfahren des deutschen und den Vor-
erhebungen des österr. Strafprozesses dadurch, daß
in diesem der Staatsanwalt selbst oder mit Hilfe der
Polizeibehörden und Gerichte, in jener das Gericht
die Sacke so weit erforscht, um über Erhebung der
öffentlichen Klage eine Entscheidung zu treffen. Im
Ermittelungsverfahren bleibt der Staatsanwalt, in
der V. ist das Gericht die selbständig entscheidende
stelle, in Osterreich freilich mit der Maßgabe, daß
durch den Rücktritt des Staatsanwalts von der An-
klage die V. ihr Ende erreicht. Das Ermittelungs-
verfahren ersetzt die förmliche V., wo diese weder
notwendig noch, wenn zulässig, beantragt ist, und
geht in andern Fällen der V. aufklärend und vor-
bereitend voran, denn diefe kann erst eröffnet werden,
wenn die Anschuldigung wegen einer bestimmten
That gegen eine bestimmte Person als Thäter oder
Teilnehmer gerichtet ist. Der Angeschuldigte muh
über die gegen ihn erhobene, ihm bekannt zumachende
Anschuldigung vernommen werden, damit er Zeit
und Gelegenheit hat, seine Verteidigung zu führen.
Im übrigen soll die V., die im wesentlichen schrift-
lich und geheim geführt wird, über ihren Zweck, die
Entscheidung über Eröffnung des Hauptverfahrens
oder Einstellung des Verfahrens zu ermöglichen,
nicht hinausgehen, der öffentlichen, mündlichen,
auf Unmittelbarkeit beruhenden Hauptverhandlung
nicht vorgreifen. Daher werden Zeugen nur aus-
nahmsweise in der V. beeidigt. Andererseits dient
die V. auch zur Vorbereitung der Hauptverhand-
lung. Beweise, deren Verlust für die Hauptverhand-
lung zu besorgen steht (z. B. Augenschein, Verneh-
mung lebensgefährlich verletzter Zeugen) oder deren
Aufuahme zur Vorbereitung der Verteidigung er-
forderlich erscheint, sind in der V. zu erheben. Wäh-
rend die Vernehmung des Angeschuldigten und in
der Regel auch der Zeugen ohne Anwesenheit des
Etaatsanwalts und Verteidigers stattfindet, findet
bei Einnahme des Augenscheins (nach der Osterr.
Strafprozeßordnung auch bei Haussuchung und
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