Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

451
Wahl
Türkis Sohn Faihal ihn bald wieder stürzte. Aber
auch Faißal mußte (1832) die Flncht ergreifen, als
der ägypt. General Khurschid Pascha in Arabien
einrückte. Ein großer Anfstand brachte Faißal wieder
auf denThron, aber er wurde von Khurschid gefangen
genommen und in Ketten nach "Ägypten geschickt, wo
er bis zum Regierungsantritt des Abbäs Pascba
eingesperrt blieb. Um diese Zeit entkam er von
neuem. Er soll um 1870 gestorben sein. Sein Sohn
Abdalläh folgte ihm in der Negierung; ihn ver-
drängte später sein Bruder Saüd. Das Gemein-
wesen der W. mit der dasselbe charakterisierenden
religiösen und socialen Richtung besteht noch heute
auf seiner ursprünglichen puritanisch - zelotiscken
Grundlage. An Umfang ist das Reich der W.
auf seine nedschdische Heimat eingeschränkt, wo es
noch 316 Ortschaften im Umfang von 523098 hkm
mit etwa 1133000 Seelen umfassen mag. - Außer
Arabien ist dcrWahhäbismus als religiöses System
auch nach Indien eingedrungen. Gegen 1826 ver-
kündete Sejjid Ahmed (geb. 1786 in Rai Vareli in
der Provinz Oudh) die religiösen Principien der
W. und predigte den Religionskrieg gegen die Sikb.
Sein Schüler und Genosse Mohammed Ismail
(geb. 1781 in Dehli) gab der neuen Lebre weitere
Begründung in seinen Werken: "Stärkung des Glau-
bens" (^Äk^viM. 3,1-imlln) und "Der gerade Weg"
(8ii-^t mu8wi5im). Im südl. Indien ist das Bekennt-
nis der W. noch heute vertreten. - Vgl. Histoirc
ä68 ^Valilldi8 äkpuis leur oriFin6 ju8Hu^ 1^ iin äe
1809 (Par. 1810); Burckhardt, ^'otos on tlie Lo
äouin8 miä ^Vll1iad)'3 (Lond. 1830; deutsch Weim.
1830-31); W. G. Palgrave, ^"iilitiv6 of a )'6ai-'8
^0U1'N6^ tliiou^ (Ü6iitial miä Nli8t6i'n ^l^dili
1862 - 63 (2 Bde., Lond. 1865; deutsch, 2 Bde.,
Lpz. 1867-68); d'Avril, I^'^i^die contompoi'^ino
lPar. 1868); Zehme, Arabien und die Araber seit
hundert Jahren Oalle 1875).
Wahl und Wahlrecht. Die Idee der Wahl
ist, unter mehrern Befähigten den Geeignetsten in
die zu besetzende Stellung zu berufen. Schon im
Altertum erfolgte die stellen- und Amterbesetzung
vielfach durch Wahl; das kanonische Recht hat für
gewisse Amter das Wahlsystem mit Sorgfalt rechtlich
ausgebildet. In den Republiken erfolgt die Ernen-
nung des Staatsoberhauptes durch Wahl (f. Frank-
reich ^Verfassnng^, ferner für die Nordamerikanische
Union f. Ulöctorai (^oiie^s); die evang. Kirche,
besonders der reform. Zweig derselben, besetzt in
weitem Umfange ihre Ämter durch Wahl (s. Sy-
nodalverfassung); durch Wahl seitens der Dom-
kapitel (s. d.) werden vielfach die Bischofsstühle be-
setzt; auf Wahl beruht der großartige Aufbau der
sog. Selbstverwaltung in der Neuzeit, insbesondere
in Preußen seit 1872 (s. Kreisordnung und Pro-
vinzialordnuug), für die Städte schon aus früherer
Zeit (s. Städteordnung); durch Wahl erfolgt die Be-
rufung in die zahlreichen Interessenvertretungen und
deren Organe, wie Handels- und Gewerbekammern
(s. d.), Innungen ls. d.), Landwirtschaftskammern
ls. d.) u. dgl. Ganz besondere Bedeutung aber haben
in unsern Tagen, unter der Herrschaft des konstitu-
tionellen Princips, die Wahlen für die staatlichen
Volksvertretungen, in denen gleichsam die öffentliche
Meinnng zu einem in den wichtigsten Staatsange-
legenheiten entscheidenden und nebenbei kontrol-
lierenden, anregenden Organ verfassungsmäßig ge-
ordnet erscheint. Zur Bildung dieses Organs be-
darf es der Wahlen durch das Volk, und je mehr
unsere Zeit in dem konstitutionellen Organismus
das wichtigste Mittel der aktiven Bethätigung der
staatsbürgerlichen Persönlichkeit erkennt, eine um
so größere Bedeutung mußten natürlich die Wahl-
gesetze erhalten, welche auch, in ihrer Stetigkeit
wie in ihrem Wechsel, die Dauer und den Wechsel
der herrschenden polit. Richtung reflektieren. Bis-
weilen ist ibnen sogar der Charakter von Verfas-
sungsgesetzen beigelegt worden. Als wichtigste Dis-
ferenzpunkte der verschiedenen Wahlgesetze dürften
erscheinen: 1) ob die Wahl auf dem allgemeinen
Stimmrecht (frz. 8nn"i'a^6 univ<n-L6i) beruht, von
dem nur Frauen ss. Frauenfrage), Bevormundete,
Verbrecher ausgefchlossen sind, oder ob die Wahl
außer vom ^taatsbürgerrecht noch von andern Ge-
sichtspunkten, so besonders von einem Vermögens-
oder Bildungscensus abhängig gemacht ist; 2) ob
die Wahl sich direkt auf die Bezeichnung der für die
Stelle zu berufenden Person richtet oder ob zuerst
Wablmänner bestellt werden, durch die sodann die
wirkliche Wahl zu geschehen hat (direkte oder in-
direkte Wahlen); 3) ob die Wahl geheim, durch
verdeckte Stimmzettel oder öffentlich, sei es münd-
lich, sei es zu Protokoll erfolgt. Zur bessern Siche-
rung des Wahlgeheimnisses hat man in Australien
l Au st ralisches System) und vielen nordamerik.
Einzelstaaten vor dem Wahllokal einen kleinen Raum
bergerichtet, in dem der einzelne Wähler seinen
Stimmzettel in eins der dort befindlichen amtlichen
Couvcrts stecken kann. Als typisch für diese Unter-
schiede dürfen das Wahlrecht zum Deutschen Reichs-
tag einerseits, zum preusi. Abgeordnetenhause
andererseits betrachtet werden. Zum Deutschen
Reichstag wählen können alle selbständigen männ-
lichen Neichsangehörigen, welche das 25. Lebensjahr
zurückgelegt haben, wenn sie nicht in Konkurs, unter
Vormundschaft oder in der durch strafrechtliches
Urteil erkannten bürgerlichen Ehrlosigkeit sich be-
finden, am Orte ihres Domizils. Behufs genauer
Kontrolle werden vor der Wahl amtliche Wahllisten
aufgestellt, welche alle Wahlberechtigten ausweisen
und das Wahlrecht formell fixieren. Ausgeschlossen
vom Wahlrecht sind aus Gründen der militär. Dis-
ciplin Militärpersonen des aktiven Dienststandes,
doch sind dieselben wählbar. Die Wabl erfolgt in
der Weise, daß jede Stimme gleichen Wert hat, der
Abgeordnete durch verdeckte Stimmzettel direkt ge-
wählt wird und mangels einer absoluten Mehrheit,
d. i. einer die Hälfte der giltig Abstimmenden über-
steigenden Zahl für einen Kandidaten, ein zweiter
Wahlgang, engere oder Stichwahl, zwischen den
beiden Kandidaten stattfindet, welche die höchste
Stimmenzahl erreicht haben. Bei Stimmengleichheit
in der engern Wahl entscheidet das durch den Wahl-
kommissar zu ziehende Los. Die Feststellung des
Resultats erfolgt durch einen vom Staat bestellten
W ablkommissar, die definitive Entscheidung über
die Gültigkeit der Wahl durch den Reichstag (s. d.)
selbst. - Im Gegensatz hierzu besteht das preuß.
System aus zwei Wahlakten: der Wahlmännerwahl
und der Abgeordnctenwahl. Der oder die Abgeord-
neten des Wahlkreises werden gewählt durch Wahl-
männcr in öffentlichem Wahlakt unter Leitung
eines staatlichen Wahlkommissars. Die Wahlmän-
ner gehen hervor aus Urwählerwahlen, die nach
Maßgabe eines sehr komplizierten Systems vorzu-
nehmen sind. Das Wahlrecht der Ur wähl er be-
ruht neben den oben für das Wahlrecht zum Reichs-
tag angegebenen Erfordernissen auf einem sehr ein-
29*