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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Westfalen (Provinz)

Frankreich entführt zu haben. Das Königreich W. wurde alsbald durch die Verbündeten aufgelöst. - Vgl. Göcke, Das Königreich W. (hg. von Ilgen, Düsseld. 1888); L. Müller, Aus sturmvoller Zeit. Ein Beitrag zur Geschichte der westfäl. Herrschaft (Marb. 1892); A. Kleinschmidt, Geschichte des Königreichs W. (Gotha 1893); Holzapfel, Das Königreich W. (Magdeb. 1895).

Westfalen (Westphalen), Provinz im preuß. Staate, grenzt im N. und O. an die Provinz Hannover, im O. an Schaumburg-Lippe und Lippe, Braunschweig, die Provinz Hessen-Nassau und Waldeck, im S. an Hessen-Nassau, im SW. an die Rheinprovinz und im NW. an die Niederlande und umfaßt 20209,24 qkm. Die Provinz besteht in ihrer jetzigen Gestalt seit dem Wiener Kongreß. Die ältesten preuß. Gebietsteile der Provinz sind die 1609 mit der jülich-clevischen Erbschaft an Brandenburg gekommenen Grafschaften Mark und Ravensberg. Durch den Westfälischen Frieden wurde 1648 damit das Hochstift Minden als Fürstentum verbunden. Durch Kauf kamen hinzu die Grafschaften Tecklenburg und Limburg, durch Erbschaft die Grafschaft Lingen, als Reichsentschädigung 1802 die Bistümer Münster und Paderborn als Fürstentümer und das Fürstentum Corvei. Diesen seit 1807 teils mit dem Königreich Westfalen (s. d.), teils mit dem Großherzogtum Berg vereinigt gewesenen Landesteilen wurden 1815 noch hinzugefügt: das Herzogtum Westfalen (s. d.) mit Arnsberg, Teile von Lippstadt und Olpe, das Fürstentum Siegen, die Grafschaft Wittgenstein-Wittgenstein und Wittgenstein-Berleburg, die Freie Reichsstadt Dortmund und die ehemals freien, dann mediatisierten Reichsstände des vormaligen Westfälischen Kreises: Salm-Ahaus, Salm-Bocholt und -Horstmar, Rheina-Wolbek, Rietberg, Rheda, Anholt, Dülmen, Gehmen, Bentheim-Steinfurt, Recklinghausen u. s. w. Der bis dahin dem Fürsten von Lippe gehörige Anteil der Stadt Lippstadt wurde 1851 von diesem gegen eine Jahresrente abgetreten. (S. die Karte: Rheinprovinz, Westfalen u. s. w. I. Nördlicher Teil, beim Artikel Rheinprovinz.)

Oberflächengestaltung. W. ist meist Gebirgs-, Berg- und Hügelland; nur der Reg.-Bez. Münster ist vorherrschend Tiefebene. Den östl. und nordöstl. Teil nimmt das Wesergebirge (s. d.) ein. Den südl. Teil erfüllt der nördlichste, zwischen der Sieg und Ruhr gelegene Abschnitt des ostniederrhein. Schiefer- und Grauwackengebirges. Die Thalfurche der Ruhr selbst scheidet davon auf ihrem rechten Ufer den kahlen Rücken der Haar (s. d.) oder des Haarstrangs ab, der im Osten noch 280-320 m hoch ist, westwärts in niedrige Hügelzüge übergeht, südwärts steil, nordwärts sanft zur Ebene der Lippe, dem sog. Hellweg, abfällt. Das vielfach verzweigte und von tiefen Felsenthälern zerrissene Bergland im Süden der Ruhr heißt das Sauerland (s. d.). Die östl. Masse, die höchste des ganzen Gebirgsabschnitts und von ganz W. ist das Plateau von Winterberg an den Quellen der Ruhr und Lenne, mit dem höchsten Punkte der ganzen Provinz, dem Kahlen Asten (830 m). Von ihm zieht südwestwärts das Rothaar- oder Rotlagergebirge zum Ederkopf (691 m), an der Quelle der Eder, Sieg und Lahn, und von diesem findet die Verbindung mit dem Westerwald (s. d.), dem südlichsten Hauptgebirge der Provinz, statt. Zwischen dem Teutoburger Wald und dem Haarstrang dringt als eine Fortsetzung des niederrhein. und holländ. Flachlandes die Westfälische Tiefebene oder die Münstersche Bucht zwischen das Weser- und das niederrhein. Bergland ein, welche, nur von wenigen vereinzelten Hügelgruppen unterbrochen, selbst an ihrem Ostende bei Paderborn nur 130 m hoch liegt und aus welcher die Ems, die Vechte und Lippe hervortreten, deren Wasserscheiden kaum merklich erhöht sind. Schiffbar sind von der Weser 114, von der Ems 50,3, von der Ruhr 24,4, von der Lippe 176, von der Berkel (Zufluß der Yssel) 11,8 km, so daß die Gesamtlänge der natürlichen Wasserwege 383,3 km beträgt. Der einzige Schiffahrtskanal ist der Dortmund-Emshäfen-Kanal (s. d.). Das Klima ist gemäßigt, rauh nur im Sauerland und Westerwald; die Witterung veränderlich, feucht durch die vorherrschenden Nordwinde, besonders regnerisch im Reg.-Bez. Münster.

Bevölkerung. Die Provinz hat (1895) 2701420 (1380589 männl., 1320831 weibl.) E., 485460 gewöhnliche Haushaltungen, 7053 männliche, 13226 weibliche einzeln lebende Personen und 2574 Anstalten mit 54076 (41173 männl., 12903 weibl.) Insassen. Dem Religionsbekenntnis nach waren 1295087 Evangelische, 1378676 Katholiken, 8159 andere Christen und 19359 Israeliten; der Staatsangehörigkeit nach 2686471 Reichsangehörige, 14946 Reichsausländer und 3 andere. Der Muttersprache nach sind die meisten Bewohner Deutsche, mit Ausnahme von etwa 26000 Polen, Masuren und Kassuben. In der Beschäftigung der Bevölkerung wiegt die industrielle Thätigkeit vor, namentlich in dem Reg.-Bez. Arnsberg, demnächst die Landwirtschaft. 1895 waren unter den 1098479 Erwerbsthätigen, von denen 1039654 Angehörige ohne Hauptberuf abhingen, 27,16 Proz. in der Bodennutzung und Tierzucht, 49,48 in Gewerbe und Industrie, 9,59 in Handel und Verkehr und 4,98 Proz. im öffentlichen Dienst u. s. w. beschäftigt.

Land- und Forstwirtschaft. Von der Gesamtfläche kamen (1893) auf Acker-, Gartenland und Weinberge 855644, Wiesen 158066, Weiden und Hutungen 212200, Forsten und Holzungen 564589, Haus- und Hofräume, Öd- und Unland, Wege, Gewässer u. s. w. 230237 ha. Die Landwirtschaft stützt sich überwiegend auf den mittlern und Kleinbetrieb; Grund und Boden ist größtenteils in Händen der Bauern und Kleinbesitzer. Die Fruchtbarkeit des Bodens ist sehr verschieden. Der Norden und Nordosten ist meist unfruchtbar. Fetter Weizenboden findet sich nur in der Warburger und Soester Börde, auf dem Hellweg zwischen Lippstadt, Soest, Werl, Unna, Lünen und Hamm und im Ravensbergischen. Im Reg.-Bez. Münster wechseln Sand, Moor und Heide mit fruchtbaren Landstrichen ab. Der Reg.-Bez. Minden besitzt in der engbegrenzten und Überflutungen ausgesetzten Weserniederung, im Paderbornschen, im Hügelland zwischen dem Teutoburger Wald, dem Weser- und Wiehengebirge wie auch im Kreis Lübbeke trefflichen Boden. Doch bildet die Senne (s. d.) am Fuß des Teutoburger Waldes einen ausgedehnten Strich unfruchtbaren Sandes. Der Reg.-Bez. Arnsberg hat im Norden sandigen, mit Mergel gemengten Boden; an der Lippe mischen sich Sandstrecken ein, die jede Kultur unmöglich machen. Im ganzen ist aber das Gebiet zwischen Ruhr und Lippe fruchtbar zu nennen. Dagegen bringt im eigentlichen Herzogtum W. und in der Grafschaft Wittgenstein der vorherrschend kalkgründige Thonboden nur