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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Wildemann - Wildenschwert
Göttersage beweist der noch heute in Niedcrdentsch-
land übliche Ausdruck ä6 'VVoäe tüt oder ^Vuä"
^F6t, d. i. Wodan jagt dnrch die Lüfte. Die Grund-
züge all dieser dämonischen Erscheinungen sind
gleich; sie decken sich in den meisten Fällen mit dem
Wesen und den Erscheinungen des altgcrman. Sturm-
gottes Wodan. Wie Wodan zu Rosse gedacht wurde
und bekleidet mit einem breiten Hnte und einen:
dunkeln Mantel, so erscheint auch der Wilde Jäger in
Hut und Mantel zu Pferde, am Kreuzwege stürzend
und jenseits sich wieder anfraffend, begleitet von
Geistern Verstorbener, die oft ohne Kopf oder in
grauser Verstümmelung einherziehen. Gewöhnlich
bringt er dem begegnenden Wanderer Schaden oder
Verderben; nur wer in der Mitte der Landstraße
verharrt, oder ausweichend auf ein Saatfeld tritt,
oder sich schweigend zu Boden wirft, entgebt der
Gefahr. Besonders feindfelig erweist der Wilde Jäger
sich auch gegen die in Wäldern wobncnden Bufck-
oder Moosweibchen, die er jagt und, wenn er sie er-
reicht, graufam zerreißt. Das Jagen nach solchen
ist noch erhalten in unserer Windsbraut. Das Er-
scheinen des Wilden Jägers ist zwar nicht an eine
bestimmte Zeit geknüpft, doch zeigt er sich am häu-
sigsten in den Zwölften. Neben einer männlichen
erscheint auch eine weibliche Gestalt als Führer des
Wütenden Heers. Diese Auffassung zeigt sich be-
sonders in der thüring. und mansfeldifchen ^age.
Hier fuhr das Wütende Heer, auch die ungetanst
verstorbenen Kinder in sich begreifend, im Geleite
der Frau Holle alljährlich am Fastnachtvdonnerstag
vorüber. Vor dem Geisterhaufen aber zog ein alter
Mann einher mit weißem Stäbe, der getreue Eckart
(s.d.),der die Leute aus dem Wege weichen hieß, damit
sie nicht Scbaden nähmen. Auch dieses Heer der Holle
oder Aerchta erscheint in den Zwölften. Im allge-
meinen geht der Mythus vom Wütenden Heere über
alle german. Länder und findet sich auch in Frank-
reich und felbst in Spanien. - Vgl. Schwartz, Der
heutige Volksglaube und das alte Heidentum (2. Aufl.,
Verl. 1862); Liebrecht, I^n, Nezmie lui-i6U86, ou 1".
OiiH880 8auva^6 (in der Ausgabe des "Gervasius
von Tilbury", Hannov. 1856).
Wildemann, Stadt im Kreis Zellerfeld des
preuß. Reg.-Vez. Hildesheim, im Oberharz, in dein
engen wilden Thal der obern Innerste, an der Ne-
benlinie Langelsheim-Clausthal-Zellerfeld der
Preuß. Staats'bahnen, hat (1895) 1373 E., darun-
ter 75 Katholiken, Postagentur, Fernsprechverbin-
dung, evang. Kirche; ausgedehnte Steinbrüche,
Bleierzgrubcn und Fichtennadelbäder.
Wildemannsthaler, -Gulden, -Pfennig,
braunschw. - lüneburg. Münzen, auf welchen der
wilde Mann (Sckildhalter des herzogt. Wappens)
meist mit einem Baum in der Hand dargestellt ist.
Wildenberg, Stadt, s. Willenberg.
Wildenbruch, Ernst von, Dramatiker, geb.
3. Febr. 1845 zu Beirut in Syrien als Sohn dec>
dortigen preuß. Konsuls, siedelte mit seinem Vater
im 2. Jahre nach Berlin, im 5. nach Athen, wohin
derselbe als Gesandter berufen war, im 6. nach
Xlonstantinopel über und kehrte 1857 nach Deutsch-
land zurück. W. besuchte die Gymnasien zu Halle,
Berlin und das Kadettenkorps zu Potsdam und
Verlin und trat 1863 als Offizier in die preuß.
Armee, nahm aber fcbon 1865 feinen Abfchied. Er
machte den Krieg 1866 alsLandwehroffizier mit und
studierte 1867-70 in Verlin die Reckte. Nachdem er
auch an dem Kriege 1870 teilgenommen hatte, ward
er Referendar am Appellationsgericht zu Frankfurt
a. O., 1876 Assessor, 1877 Hilfsarbeiter im Aus-
wärtigen Amte des Teutfchen Reichs, 1888 zum
Legationsrat, 1897 zum Geh. Legationsrat er-
nannt; 1889 verlieh ihm die philof. Fakultät der
Universität Jena das Ehrendoktorat. Schon wäh-
rend seiner Studienzeit schrieb W. das Satyrspiel
"Die Philologen am Parnaß" (Berl. 1868), in
Frankfurt das Gedicht "Die Söhne der Elbyllen
und Norncn" (ebd. 1872), das Heldenlied "Vion-
ville" (ebd. 1874 u. ö.), das Drama "Auf der hohen
Schule", das Heldenlied "Sedan"(Frankf.a.0.1875
u. ö.), die ersten Entwürfe des Dramas "Harold"
(Berl. 1882 u. ö.) und eine Reihe lyrifchcr Gedichte,
die 1877 erschienen. In den folgenden Jahren ent-
standen: "Dichtungen und Balladen" (Berl. 1884),
das Trauerspiel "Die Karolinger" (ebd. 1882 u. ö.),
"Kinderthränen" (zwei Erzählungen, ebd. 1884
n. ö.), das Trauerspiel "Christoph Marlow" (ebd.
1884), "Der Meister von Tanagra. Eine Künstler-
geschichte aus Alt-Hellas" (ebd. 1880 u. ö.), das
Trauerspiel "Der Mennonit" (ebd. 1882 u. ö.),
die Schauspiele "Opfer um Opfer" (ebd. 1883),
"Väter und Söhne" (ebd. 1882), "Die Herrin ihrer
Hand" (ebd. 1885) und "Das neue Gebot" (1886
u. ö.), sowie "Novellen" (Berl. 1883 u. ö.), "Humo-
resken und Anderes" (ebd. 1886 u. ö.), "Neue No
vellen" (ebd. 1885), das Trauerspiel "Der Fürst von
Verona" (1886), "Der Astronom" (Erzählung, Berl.
1887 u. ö.), das Schauspiel "Die Quiftows" (1888
u. ö.), das Trauerspiel "Der Generalfeldoberst"
(Berl. 1889), die Schauspiele "Die Haubenlerche"
(ebd. 1890), "Der nene Herr" (ebd. 1891), "Das
beilige Lachen" (ebd. 1892), "Meister Valzer" (ebd.
1892), "Bernhard von Weimar" (1892), die Erzäb-
lung "Das edle Blut" (Berl. 1893), die Novelle
"Franzesca von Nimini" (ebd. 1893), die Romane
"Eifernde Liebe" (ebd. 1893) und "Schwester-Seele"
(Stuttg. 1894), das Trauerspiel "Heinrich und Hein-
richs Geschlecht" (Berl. 1895), die Volksstücke "Jung-
fer Immergrün" (ebd. 1896) und "Der Junge von
Hemmersdorf" (ebd. 1896) und die Legenden "Clau-
dias Garten" (ebd. 1896), "Der Zauberer Cypria-
nus" (ebd. 1896) und "Willehalm" (ebd. 1397). W.
gehört zu den kräftigsten und eigentümlichsten Dra-
matikern der Neuzeit, er dankt feine großen Erfolge
vor allem einem nie versagenden Scharfblick für das
auf der Bühne dramatisch Wirksame, einer glänzen-
den, zugleich reichen und kräftigen Sprache, wodl
! auch dem Umstände, daß er seit Heinr. von Kleist
! der erste deutsche Dramatiker ist, der die großen
bistor. Ereignisse und Gestalten der preuß.-deutschen
Geschichte poetisch zu verwerten und dramatisch zu
beleben verstanden hat. In der "Haubenlercke" zeigt
der Dichter sowohl in der Behandlung der großen
socialen Probleme der Gegenwart wie in der Cha-
rakterzeichnung einen überraschend kecken Realismus.
! Wildenfels, Stadt in der sächs. Kreis- und
! Amtshauptmannschaft Zwickau, Sitz eines Amts-
gerichts (Landgericht Zwickau), hat (1895) 2624
evang. E., Post, Telegraph, evang. Kirche (1866),
altes Schloß auf einem Felsen, zur Lehnsherrschaft
^ des Grafen von Sollnc>-Laubach-Wildenfels ge-
z börig; Marmor- und Kalkftcinbrüche, Kalkbrcnne-
! reicn und Weberei.
i Wildenschwert, czech. I^ti naä Orli^i, Stadt
^ in der österr. Vezirksbauptmannschaft Landskron in
! Böhmen, an einem Seitenbach der zur Elbe gehen-
l den Stillen Adler, am Fuß einer waldigen Berg-