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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Wohlfahrtspolitik - Wohnhaus

Auch die Commune von Paris hatte 1871 einen W. zu dem Delescluze, Raoul Rigault und andere Führer der Revolution gehörten.

Wohlfahrtspolitik, s. Bevölkerungspolitik.

Wohlfahrtspolizei, s. Polizei.

Wohlgemuth, Michel, Nürnberger Maler, Schüler des Hans Pleydenwurf, geb. 1434 zu Nürnberg, gest. 1519 daselbst. Zu seiner Zeit galt er für den besten Maler Nürnbergs und hatte so viele Bestellungen, meist von Altären und Votivbildern, daß er seine Kunst mit vielen Gesellen fabrikmäßig betreiben konnte. Er war einerseits noch im Handwerkertum des Mittelalters befangen, andererseits zeigt er schon Ansätze der neuern Kunst. W. zeigt sich als Vertreter der strengen Manier der ältern Nürnberger Künstler, welche die Umrisse nachdrücklich gegenüber der Farbe hervorhoben. Er war lange Zeit einer der wenigen Namen, mit denen man alle möglichen Bilder der verschiedensten Schulen zu bezeichnen gewohnt war. Nürnberg und Umgegend, wie Schwabach, Hersbruck und andere Orte, weisen noch zahlreiche Arbeiten von W. auf. Das Germanische Museum zu Nürnberg besitzt von ihm unter anderm vier treffliche Altarflügel mit der Darstellung der heil. Katharina, Barbara, Rosalie, Margaretha, Georg, Sebald, Johannes dem Täufer und Nikolaus, mit Rückbildern, die ehemals den Hauptaltar der Augustinerkirche zierten. In der Marienkirche in Zwickau sind sieben Gemälde von W., die 1831 restauriert wurden. Er lieferte nebst seinem Stiefsohn Wilhelm Pleydenwurf auch höchst lebendige Zeichnungen für die Schedelsche «Weltchronik» (1493) und den Koburgerschen «Schatzbehalter», welche in derbem Holzschnitt ausgeführt wurden. Sein Schüler Albrecht Dürer malte ihn in seinem 83. Jahre (Bildnis in München). Reproduktionen seiner sämtlichen Bilder finden sich in dein Werk «Die Gemälde von Dürer und W.» Mit Text von B. Riehl (Nürnb. 1888). - Vgl. Thode, Die Malerschule von Nürnberg (Frankf. a. M. 1891).

Wohlklang, s. Konsonanz.

Wohlriechende Wässer, s. Parfümerie.

Wohlthätigkeitsorden, span. «Civilorden der Wohlthätigkeit», von der Königin Isabella Ⅱ. 17. Mai 1856 zur Belohnung wohlthätiger Handlungen jeglicher Art für Männer und Frauen in drei Klassen gestiftet. Ordenszeichen ist ein an seinen Spitzen mit goldenen Kugeln besetzter, schwarz eingefaßter, weiß emaillierter fünfstrahliger Stern, zwischen dessen Spitzen goldene strahlen erscheinen; im runden blauen Mittelschild innerhalb roter Umrandung mit der Umschrift A la Caridad das goldene Bildnis der heiligen Jungfrau. Der Stern hängt an einem goldenen Lorbeerkranze und wird an einem weißen Bande mit zwei schwarzen Seitenstreifen getragen.

Wohlverleih, s. Arnica, und Tafel: Aggregaten Ⅰ, Fig. 4.

Wohnhaus, jedes zum dauernden Aufenthalt von Menschen (insbesondere Familien) bestimmte Haus. (Hierzu Tafel: Wohnung Ⅰ: Wohnhäuser.) Man unterscheidet ländliche W., wie Herrenhaus, Villa, Bauernhaus, Arbeiterwohnung (s. diese Artikel) und städtische W., die man nach der Zahl der sie innehabenden Haushaltungen in Einzelwohnungen (Familienhäuser oder Mietshäuser mit einer Wohnung; auch Villa, Palais) und in Massenwohnungen (Mietshäuser mit mehrern Wohnungen und solche mit mehrern Wohnungen in je einem Geschoß) einteilt. (S. auch Wohnung.) ^[Spaltenwechsel]

Die Kenntnis der antiken W. erhielten wir erst aus Pompeji. Das griechische W. nahm nur wenig Anteil an der Fortbildung der Baukunst. Zur Blütezeit des Tempelbaues war es meist noch bescheiden. Den Mittelpunkt des griechischen W., wie man es aus der Beschreibung des Vitruvius (s. d.) kennt, bildete der Hof, der mit einer Säulenhalle (Peristyl) umgeben war. Von der Straße führte zu diesem ein Gang, zu dessen Seiten sich Stallungen und Wirtschaftsgebäude befanden. Zur Seite befanden sich Wohngelasse, dem Eingang gegenüber ein Vorraum, der zu den Schlafzimmern und zu den Hauptwohnräumen führte. Die Façaden waren wohl immer ganz schlicht. Das römische W. läßt sich nach den in Pompeji aufgedeckten Resten genauer darstellen, obgleich zu bedenken ist, daß wir dort nur die von Griechenland beeinflußten Reste des W. einer kleinen Landstadt und der Zeit um Christi Geburt kennen, nicht aber das alte W. der Stadt Rom selbst. (S. Römische Kunst sowie Pompeji; daselbst auch Grundrisse eines römischen W.) Beim Anwachsen der Städte und der dadurch entstehenden Verteuerung des Grund und Bodens entstand früh der Stockwerkbau. Schon unter Augustus wurde das Maximum der Höhe des W. auf 70 Fuß (21 m) festgestellt, welches Maß Trajan auf 60 Fuß (18 m) erniedrigte. Die Dekoration im Innern war der griechischen ähnlich und zum Teil nachgebildet; bewundernswert ist der Reichtum der Dekorationsmalerei selbst in dem kleinen Pompeji (s. d. nebst Tafel: Ausgrabungen zu Pompeji, Fig. 6).

Das deutsche W. war zunächst das Bauernhaus (s. d. nebst Tafeln) oder die Burg (s. d. nebst Tafeln). Erst im spätern Mittelalter bildete das städtische W. sich aus. Es richtete sich in der Einteilung nach der Stadtanlage und der durch sie bedingten Form des Grundstücks. Meist war es wie das fränk. Bauernhaus mit der Schmalseite nach der Straße gebaut, doch trat an Stelle des Hofs eine Vorhalle oder nur ein schmaler Gang. Dann lag in der Mitte die Küche mit den Wirtschaftsräumen, nach vorn das Zimmer des Mannes, zugleich Laden oder Werkstatt, nach hinten das Familienzimmer. Dieselbe Anordnung wiederholte sich in den Obergeschossen, deren Zahl auch hier stieg, sobald die Volkszahl in ein Mißverhältnis zu dem von den Mauern eingeschlossenen Stadtbezirk kam. Vornehme Geschlechter bauten sich W., welche bei Unruhen verteidigt werden konnten; doch bald wurden die Erker und Zinnen vorzugsweise zu Schmuckformen. Das italienische W. war einfacher als das deutsche, da dort der Aufenthalt im Freien länger möglich war. Namentlich die Werkstatt wurde in eine offene Halle verlegt. Das Bedürfnis vornehmer Geschlechter, sich zu isolieren, führte zu einer nach allen Seiten frei liegenden, einen Arkadenhof umspannenden Bauweise, welche ihre Ausbildung im Palast (s. d.) fand. Das W. (Casa) behielt aber dauernd die offene Bauform und vermeidet soweit thunlich mehr als zwei Stockwerke. Im englischen W. bildet der Herdraum den Mittelpunkt, wie auch im deutschen die Küche; es ist in der Regel ein zwei- bis dreistöckiges eingebautes Einzelhaus. Durch einen Vorgarten kommt man zum sehr schmalen Flur, dieser führt seitlich in das Parlour (Sprechzimmer), rückwärts zur engen Treppe und zu der im Sockelgeschoß liegenden Küche (mit Vorratszimmer, Wirtschaftsraum u. s. w.). Hinter dem Parlour, durch eine oft nur verhängte Öffnung mit diesem verbunden, ist