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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Röntgenstrahlen

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Röntgenstrahlen

fel, Phosphor, Chlor, Brom, Jod; auch für die Metalle steigt das Absorptionsvermögen vom Aluminium zum Blei mit dem Atomgewicht an. Eine einfache Beziehung des Absorptionsvermögens zur Dichte wie bei den Kathodenstrahlen besteht nicht. Glas ist ziemlich wenig durchlässig, um so weniger, je mehr es schwere Bestandteile enthält. Das giebt die Möglichkeit, echte Diamanten, die aus reinem Kohlenstoff bestehen, und andere echte Edelsteine, die Aluminium enthalten, von ihren Glasimitationen mittels der R. zu unterscheiden. Auch echte Perlen sind durchlässiger als imitierte. Weiter hat sich gezeigt, daß die Bestandteile des Augapfels für die R. nur schlecht durchlässig sind, und daß darum wohl die Strahlen für uns unsichtbar bleiben.

Ihre praktische Bedeutung zeigen die R. nun vor allem bei der "Durchleuchtung" organischer Körper. Auf dem Fluorescenzschirm oder der photogr. Platte entwerfen sie einen Schattenriß des durchstrahlten Körpers mit Hellern und dunklern Partien je nach dem verschiedenen Grad der Schwächung, die die einzelnen Strahlen auf ihrem Wege durch den Körper erfahren haben. Die geradlinige Fortpflanzung und das Fehlen einer Brechung ermöglichen das Zustandekommen dieser Röntgenbilder, die uns einen indirekten Blick in das unserm Auge unzugängliche Innere der Körper gewähren. So kann man z. B. in Pflanzen Insektenlarven und deren Bohrkanäle nachweisen.

Die Chromotafel: Röntgenstrahlen (nach photogr. Aufnahmen im Physikalischen Verein zu Frankfurt a. M. von Professor Walter König; Verlag von Johann Ambrosius Barth, Leipzig), giebt Beispiele, wie sich das Knochengerüst von Tieren trotz seiner Umhüllung mit Fleisch, Haut, Federn und Schuppen bis in die feinsten Teile photographieren läßt.

Auf den menschlichen Körper angewandt, hat das Verfahren eine neue Art der mediz. Diagnose entstehen lassen. Bei der Durchleuchtung insbesondere der stärkern Körperteile kommt es darauf an, recht scharfe Röntgenbilder zu erzielen, und zwar, wenn diese photographisch fixiert werden sollen, in möglichst kurzer Zeit. Nach beiden Richtungen hat man bereits recht bemerkenswerte Erfolge zu verzeichnen. So gelingt die Durchleuchtung des Brustkorbs, wobei die Rippen von den sehr durchlässigen (lufterfüllten) Lungen sich scharf abheben und auf dem Fluorescenzschirm sogar die Herzthätigkeit beobachtet werden kann. Durch mehrere Teilaufnahmen hat man vollständige lebensgroße Röntgenbilder von Erwachsenen hergestellt. Nach steigender Durchlässigkeit kann man die einzelnen Körperteile etwa in folgende Reihe ordnen: Knochen, Herz, Leber, Gehirn, Darm, Niere, Muskeln und Sehnen, Zwerchfell, Magen, Lunge. Am Knochengerüst lassen sich tuberkulöse Stellen, Verrenkungen und Brüche nachweisen, ihre Veränderungen, etwa der Fortschritt ihrer Heilung, verfolgen. Der Sitz von Fremdkörpern, insbesondere metallischen, von Kugeln, Nadeln, Splittern, läßt sich genau ermitteln (s. Tafel), sogar im Schädel, indem man nötigenfalls den betreffenden Körperteil in zwei verschiedenen Richtungen durchleuchtet (Triangulation mittels R.). So konnte man z. B. auch einen Knopf im Darm erkennen sowie Verkalkungen in der Lunge und den Arterien; Gallen- und Blasensteine lassen sich unterscheiden. Bei toten Körpern tritt die Muskulatur viel mehr hervor als bei lebenden. Die Verzweigung der Adern läßt sich photographieren, wenn man sie mit Quecksilber oder mit sich erhärtenden Flüssigkeiten, wie Lösungen von Gips, Kreide oder dergleichen, injiziert. Was den praktischen Wert der Röntgendiagnose anlangt, so wird übertriebenen Hoffnungen gegenüber von manchen Seiten betont, daß sie in vielen Fällen doch nur in Verbindung mit andern diagnostischen Methoden sichere Schlüsse zu ziehen gestattet. Eine sehr wertvolle Bereicherung der mediz. und chirurg. Diagnose wäre es besonders, wenn man mittels der R. Gewebsunterschiede in den Körperorganen nachweisen und dadurch eine möglichst frühzeitige Diagnose tiefliegender Tumoren ermöglichen könnte. Das ist bis jetzt noch nicht gelungen.

Wie es mit andern Strahlenarten geschehen, so hat man auch mit R. Versuche angestellt, um ihre Einwirkung auf die Lebenserscheinungen organisierter Körper zu studieren. Insbesondere Bakterien hat man dem Einfluß der R. unterworfen. Die Angaben widersprechen sich aber, was z. B. den Diphtheriebacillus anlangt. Mit Tuberkulose geimpfte Meerschweinchen sollen sehr günstig beeinflußt worden sein. Die Kohlensäureausscheidung scheinen die Strahlen nicht zu verändern, auch eine Krümmung von Keimpflanzen (s. Heliotropismus, Bd. 9) rufen sie nicht hervor, beides im Gegensatz zu andern Strahlenarten. Mehrfach ist beobachtet worden, daß die Haut an solchen Stellen des menschlichen Körpers, die längere Zeit durchstrahlt wurden, gerötet und geschwollen erscheint, doch ist das vielleicht eine direkte Wirkung begleitender Wärmestrahlen.

Die vorstehend besprochenen Versuchsresultate wurden zum großen Teil erst erreicht, als man die zur Erzeugung von R. dienenden Apparate gegenüber ihrer ursprünglichen Form wesentlich verbessert hatte. Um scharfe und naturgetreue Bilder zu erhalten, ist es offenbar nötig, daß das wirksame Bündel R. möglichst genau von einem Punkte aus kegelförmig sich ausbreite; denn wenn eine ganze

Fläche die Strahlen aussendet, so überdecken sich gewissermaßen sehr viele Schattenbilder unvollkommen und einander störend. Diese Bedingung ist erfüllt bei der als Fokusröhren bezeichneten Art von Röntgenlampen, bei der die als Hohlspiegel geformte Kathode K die Kathodenstrahlen im Innern der Röhre auf ein kleines Platinblech p konzentriert. Von einem Punkt auf dessen bestrahlter Seite gehen dann die R. aus. (S. beistehende Fig. 1.) Ihre Intensität hängt einerseits von dem Verdünnungsgrad in der Röhre, andererseits von der Stärke ihrer elektrischen Erregung ab. Ersterer läßt sich am bequemsten fortdauernd regulieren, wenn man die Röhre an eine Quecksilberluftpumpe angeschmolzen beläßt. Zur Erregung der Röhre verbindet man ihre Elektroden entweder direkt mit der Sekundärspule eines Funkeninduktors (s. Induktionsmaschinen, Bd. 9), oder mit derjenigen eines Tesla-Transformators, der selbst vom Induktor erregt wird. Im letztern Falle, wo hochgespannte schnelle elektrische Schwingungen wirken, sind beide Elektroden der Röhre abwechselnd Ka-

^[Fig. 1.]