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Merck's Warenlexikon

Autorenkollektiv, Verlag von G. A. Gloeckner, Leipzig, Dritte Auflage, 1884

Beschreibung der im Handel vorkommenden Natur- und Kunsterzeugnisse unter besonderer Berücksichtigung der chemisch-technischen und anderer Fabrikate, der Droguen- und Farbewaren, der Kolonialwaren, der Landesprodukte, der Material- und Mineralwaren.

Schlagworte auf dieser Seite: Baumwollgarne

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Baumwollgarne - Baumwollgarne

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Baumwolle'

derselbe Boden das Produkt nicht immerfort liefern kann. Unteritalien, wo die Baumwollkultur von langer Hand her besteht, produzierte auch in der Krisis nur sein gewöhnliches Quantum von etwa 100000 Ballen, obschon man ihm das Fünffache zutraute. Ein großer Teil des Erzeugnisses der Mittelmeerländer wird übrigens für den einheimischen Bedarf verbraucht, und zur Zuführung starker Massen in die große Fabrikation erscheinen sie in mehrfacher Hinsicht ungeeignet. Bemerkt muß indes noch werden, daß aus verschiedenen Gegenden der Alten und Neuen Welt Proben schönerer Erzeugnisse als sonst geliefert worden sind, zum Beweis, wie sehr verbesserte Kultur und Behandlung dieses Naturprodukt zu veredeln vermögen. Die hauptsächlich marktgängigen Sorten sind nachstehend verzeichnet und von den feinsten und teuersten bis zu den geringsten geordnet: lange Georgia (Sea Island), ägyptische Mako und Bourbon, Pernambuco, Louisiana, Cayenne, Neuorleans, kurze Georgia (Up land), Surate, Bengal und Alexandriner. Der Verbrauch der B. betrug in den Jahren 1875-78 im Ganzen 1421 Millionen Kilo. - Zollfrei, auch wenn sie bereits gekämmt od. gefärbt ist.

Baumwollgarne. Durch das Verspinnen zu Garn wird die Baumwolle in ein Halbfabrikat verwandelt, das in unsern heutigen Fabrikationszuständen schon an sich einen bedeutenden Handelsartikel ausmacht und fast ohne Ausnahme das Produkt besonderer mechanischer Spinnereien ist, während noch vor 120-130 Jahren, als das Spinnen und Weben sich lediglich noch in den Schranken der Hausindustrie bewegte, in den meisten Arbeiterhütten zugleich gesponnen und gewebt wurde. Damals hatten die Weber beständige Not um Garn, das die Familien und die Lohnspinnerinnen selten in genügender Menge liefern konnten, und als 1733 John Kay mit seiner Erfindung des Schriellschützen auftrat, durch welchen die Herstellung der Gewebe in doppelter Breite und Menge ermöglicht wurde, mußte dies den Garnmangel verdoppeln. Bis fast zum Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Baumwolle ausschließlich mit der Handspindel oder auf dem Handrade versponnen. Das Handrad führt den Namen nach dem leichten von der Hand zu drehenden Rade, welches mittelst einer umgelegten Schnur die liegende Spindel in Umdrehung versetzt. An die letztere wurde der Faden angeknüpft. Dreht die Spinnerin das Rad mit der rechten Hand und führt dem Faden mit der linken Hand bei gleichzeitiger Ausstreckung des Armes immer neue Fasern aus dem Vorrat (Rocken, Wocken) zu, so erteilt die Spindel dem neugebildeten Fadenstücke Drehung. Dabei ist vorauszusetzen, daß der Faden in schräger Richtung nach vorn von der Spindelspitze abläuft. Kann die linke Hand nicht weiter, so führt sie den Faden so, daß er senkrecht gegen die rotierende Spindel anläuft, wodurch das Aufwickeln des gesponnenen Stückes erfolgt. Der Spinnprozeß zerfällt hiernach in drei Hauptteile. Das Ausziehen, d. i. das Aneinanderstoßen der kurzen Fasern zu einem runden gleichmäßigen Faden; das Zusammendrehen, das eigentliche Spinnen; das Aufwickeln des fertigen Fadenstückes. Zusammendrehen ↔ und Aufwickeln boten bei Einführung der Maschinenspinnerei verhältnismäßig geringe Schwierigkeiten. Das von dem Braunschweiger Jürgen 1530 erfundene Trittrad mit Flügelspindel diente den ersten Spinnmaschinen, unseren heutigen Watermaschinen (so genannt, weil die ersten mechanischen Spinnereien durch Wasserkraft getrieben wurden) zum Vorbild. Viel größere Schwierigkeiten verursachte es dagegen, das Ausziehen durch Maschinen besorgen zu lassen. Die Thätigkeit der Finger, welche durch das in den Spitzen konzentrierte feine Gefühl hervorragend befähigt sind zur Bildung eines gleichmäßig dicken Fadens, ließ sich nicht leicht und nur auf einem umständlichen Wege auf mechanische Weise ersetzen. - In der Geschichte der Maschinenspinnerei leuchten vor allen vier Namen in hervorragendster Weise, deren Träger um die Einführung das größte Verdienst besitzen: John Wyatt, Richard Arkwright, James Hargreaves und Samuel Crompton. Wyatt erfand 1730 das Streckwerk, welches das Ausziehen besorgt. Die Baumwolle ließ er in Form von Watte oder Wattebändern durch mehrere dicht hinter einander stehende Walzenpaare gehen. Das erste Paar zieht die Watte mit bestimmter Geschwindigkeit ein, das zweite läuft schneller als das erste, das dritte schneller als das zweite, so dass eine beträchtliche Verfeinerung (Streckung) schon bei einmaligem Durchgange eintritt. Die bis dahin noch wirr durcheinander liegenden Fasern werden dabei geordnet, d. h. parallel zu einander und zur Bewegungsrichtung des Bandes gelegt. Arkwright kombinierte in höchst geistreicher eigentümlicher Weise Wyatt's Streckwerk mit Jürgen's Flügelspindel und schuf dadurch die erste praktische kontinuierlich spinnende Maschine 1769. Er ist der „Schöpfer der Baumwollspinnerei“. Bei seiner Maschine wird der Faden unmittelbar, nachdem er das Streckwerk durchlaufen hat, von einer stehenden Flügelspindel (Drossel) zusammengedreht und wie bei dem Flachsrade auf eine auf der Spindel steckende Spule aufgewunden. Auf Arkwright's Watermaschine lassen sich aber, da der Faden während des Spinnens stark gespannt wird, nur gröbere, stark gedrehte Garne spinnen. Weiche schwach gedrehte Garne mit Maschinen herzustellen gelang zuerst Hargreaves (1774-1779). Er brachte eine Anzahl Spindeln auf einem Wagen an. Sobald dieser ausfuhr, zogen die Spindel das dochtartige, kein Streckwerk durchlaufende Vorgarn heraus. Noch ehe der Wagen das Ende seines Weges erreicht hatte, wurden die Fäden durch eine Presse eingeklemmt und erhielten durch die in Drehung gesetzte Spindel Draht und durch den noch ein Stück ausfahrenden Wagen Streckung. Der Grad der Drehung kann hier beliebig gewählt werden. Hargreaves benannte diese Maschine nach einer seiner Töchter Jennymaschine. Sie spinnt mit Unterbrechung. Nachdem ein Fadenstück gleich der Länge des Wagenweges gesponnen ist, erfolgt während der Einfahrt des Wagens das Aufwinden. Durch Kombination der Jenny mit Wyatt's Streckwerk schuf Crompton von 1774 bis 1779 die Mulemaschine (Mulejenny). (Mule

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 40.