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Merck's Warenlexikon

Autorenkollektiv, Verlag von G. A. Gloeckner, Leipzig, Dritte Auflage, 1884

Beschreibung der im Handel vorkommenden Natur- und Kunsterzeugnisse unter besonderer Berücksichtigung der chemisch-technischen und anderer Fabrikate, der Droguen- und Farbewaren, der Kolonialwaren, der Landesprodukte, der Material- und Mineralwaren.

Schlagworte auf dieser Seite: Obst

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Obst - Obst

Sorten vorausgesetzt. Von diesen gibt es jetzt eine so große Auswahl, daß man wohl, mit Ausnahme der kalten Zonen und Breiten, oder den hohen Gebirgen und exponierten Gegenden, in fast allen Lagen irgend ein Obst erzielen kann und nur in wenigen Strecken ganz auf Obstbau verzichtet werden muß. Das beliebteste Tafelobst wächst aber nur in den gemäßigten Klimaten mit dem Wohlgeschmack und in der Güte, wegen deren es so allgemein beliebt ist und selbst in Nordamerika, wohin alle unsre Obstarten verpflanzt worden sind und von wo aus neuerdings starke Ausfuhr erfolgt, wird das Obst nicht so gut, wie bei uns. In den wärmeren Klimaten werden die wichtigsten Obstbäume immer grün, ihre Früchte aber geschmackloser.

Die vorzüglichsten Lagen für Obst sind die von der Region der Weinrebe bis zu der der Olive; je nördlicher, um so mehr Schutz und günstige Neigung zur Sonne (Mittagsseite) ist notwendig, je südlicher, um so mehr Beschattung. Das beste Tafelobst aber erzeugt man in Glashäusern in England, Holland, in Hamburg, Berlin und andern großen Städten. Die Mittelmeerländer, Vorderasien, der europäische Kontinent bis zur Ostsee und Nordsee, England und Skandinavien nur im Süden und Rußland etwa von der Mitte an, endlich die Mittel- und Nordstaaten der amerikanischen Union bilden das Hauptgebiet für den Obstbau. Die besten Produkte kommen aus Algier, Norditalien, Frankreich, Südtirol und überhaupt Österreich diesseits von da bis Böhmen, von den Rhein-, Main- und Neckarthälern, aus Thüringen und von den wärmeren Elbgegenden. Frankreich steht hinsichtlich des Obstbaues obenan und von dort bezieht man die edelsten Sorten, die besten Pflanzbäume und die vorteilhaftesten Zuchtarten. In Deutschland haben Reutlingen, Geisenheim am Rhein und Potsdam die berühmtesten Baumschulen und Lehranstalten für Obstbau. -

Botanisch ist O. entweder die eßbare Frucht oder der ganze Fruchtstand, oder ein Teil davon, oder die fleischige Fruchtschale, oder der Samen, oder der Blütenboden, Blütenblatt, Deckblatt, Blütenstiel und ganzer Blütenstand verschiedner Bäume und Sträucher. Unterschieden wird das O. meist in Kern-, Stein-, Beeren- und Schalenobst; für jede dieser Arten gibt es sehr wichtige Pflanzen zum Obstbau; mit Rücksicht auf die Form der Früchte macht man auch noch weitere Unterscheidungen und spricht noch von kapselartigen, Kelch-, Kürbis- und Schotenfrüchten. -

Zum Kernobst oder den Apfelfrüchten gehören: Äpfel, Birnen, Quitten, Elzbeeren, Speierlinge und Mispeln und die sog. Hage- oder Rosenbutten, von Rosa villosa L., welche in Zucker eingemacht werden, zum Gebrauch im Haushalt und für Konditoreien; man rechnet diese zu den Kelchfrüchten, wenn man solche besonders unterscheidet. -

Steinobst liefern Pfirsich, Aprikose, Pflaumen aller Art mit Mirabellen, Reineclaudes, Zwetschen etc., und die Kirschen, ferner aus wärmeren Klimaten Tahitiäpfel, Mangopflaumen, Abacatas, Datteln, Oliven etc. -

Das Schalenobst bilden besonders die Nüsse aller Art (Hasel-, Zirbel- und Wallnuß), Kastanien, Mandeln (eßbare), Bucheckern etc. -

Zum Beerenobst, welches am weitesten nördlich und am höchsten in den Gebirgen geht, aber auch in den wärmsten Lagen vertreten ist, gehören die wildwachsenden Waldfrüchte: Heidel-, Preißel- und Moosbeeren, die wildwachsenden und kultivierten Brombeeren (in Amerika hoch kultiviert), Erdbeeren, Himbeeren und Holunderbeeren, dann die Johannis- und Stachelbeeren, die Weintrauben mit Rosinen und Korinthen, aus wärmeren Lagen Mangostanen, Rosenäpfel, Guajaven, Zitronen, Limonen, Orangen und Apfelsinen (Pomeranzen), Kaktusfrüchte, Ananas etc.; die eigentlichen Kelchfrüchte liefern die Brotfrucht, Feigen und Maulbeeren, die kapselartigen Früchte Bananen und Affenbrotbaumfrucht, die Kürbisfrüchte, die bei uns mehr zu den Gemüsen als zum O. gerechneten Melonen, Wassermelonen, Gurken etc., sowie die Früchte vom Melonenbaum und Passifloren. Das Johannisbrot, die Tamarinden- u. dgl. Früchte rechnet man zu den Schotenfrüchten. Einen großen Teil der genannten Früchte bezeichnet man auch, besonders im Handel, als Südfrüchte, aus den Mittelmeerländern bezogen. -

Die tropischen Obstarten kommen fast nur eingemacht zu uns, ebenso die den unsrigen entsprechenden Obstarten aus Nordamerika. Das, was bei uns unter O. verstanden wird, bezieht sich auf das Kern-, Stein-, Beeren- und Schalenobst. Wirtschaftlich spricht man von Früh- und Spät-, Sommer- und Winter-, Garten- und wildem O., Tafel-, Wirtschafts- und Mostobst. -

Verwendet wird das O. in vielfacher Weise, frisch zum Nachtisch und als Zuthat zum Brot, gekocht, als Kompot etc., gedörrt als Dörr- oder Backobst - (Birn- und Apfelschnitze, Prunellen, getrocknete Pflaumen, Zwetschen, Mirabellen etc.), eingemacht in Gläsern und Büchsen (s. Konserven), zu Mus, Kraut, Sirup, Gelée und Fruchtsaft gekocht, zur Darstellung von Essig, Branntwein und Likören (Kirschwasser etc.) - und zu Wein (Johannis-, Stachelbeerwein, Fruchtwein etc., Cider, Apfelwein etc.). -

Als Nahrungsmittel hat das O. nur geringen, direkt ernährenden Wert, wohl aber hohe Bedeutung in diätetischer Beziehung; der Genuß von O. wirkt begünstigend auf die Verdauung und auf das allgemeine Wohlbefinden. Chemisch zerlegt zeigen die bei uns gebräuchlichen Obstarten 79-87% Wasser, 1,25-13,25% Schalen, Kerne, Mark etc., 0,3-0,85% Asche; unreif enthält das O. ziemlichen Gehalt von Stärkemehl, welches bei der Reife in Zucker sich umbildet, einen hohen Gehalt von Pflanzensäuren (Apfel-, Zitronen-, Wein-, Klee-, Gerb-, Gallussäure etc.) und als Hauptmasse der Nährstoffe Pektinkörper, welche ebenfalls bei der Reife und noch während der Nachreife auf dem Lager sich umwandeln; mit Gummi- und Farbstoffen betragen diese Körper von 0,3-6,3%; der Zucker kommt vor als Frucht-, Trauben- und Rohrzucker und zwar von 1,58 (Pfirsich) bis