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Merck's Warenlexikon

Autorenkollektiv, Verlag von G. A. Gloeckner, Leipzig, Dritte Auflage, 1884

Beschreibung der im Handel vorkommenden Natur- und Kunsterzeugnisse unter besonderer Berücksichtigung der chemisch-technischen und anderer Fabrikate, der Droguen- und Farbewaren, der Kolonialwaren, der Landesprodukte, der Material- und Mineralwaren.

Schlagworte auf dieser Seite: Rauchwaren

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Rauchwaren - Rauchwaren

Wildfelle ist gar nicht unbeträchtlich und es finden sich namentlich in Bayern, Württemberg, den Ländern unter und zwischen den Alpen sehr preiswürdige Marder, Iltisse, Füchse und Ottern. Mehrere größere Städte Deutschlands beschäftigen sich mit Rauchwarenhandel. Hamburg, Lübeck und Bremen treiben viel Speditions-, Aus- und Einfuhrgeschäfte mit amerikanischem, russischem, nordischem, deutschem und französischem Pelzwerk und mit grönländischen Robbenfellen. Wien versorgt Österreich, Ungarn und Italien mit amerikanischen und russischen R. und ist ein ständiger Markt für türkische, ungarische und italienische Lämmerfelle. Berlin und Breslau haben neben bedeutendem Inlandshandel besonders viel Absatz nach Rußland und Polen. Ungarn ist für die Pelzbranche bedeutend, sowohl als Produzent vieler Wildwaren, Schaf- und Lämmerfelle, wie als Abnehmer, da dort Pelzwerk zu den Landestrachten gehört.

Alle Länder und Provinzen brauchen aber noch Meßplätze, wo sämtliche R. zu kaufen sind. Der bedeutendste Zentralpunkt in dieser Branche und ein eigentlicher Weltmarkt ist Leipzig geworden, an Bedeutung kaum weniger wichtig als London, das eigentlich nur eine Durchgangsstation für die amerikanischen Waren bildet, die dann doch noch größtenteils nach Leipzig gelangen. In Leipzig kommen in den beiden Hauptmessen alle gangbaren Pelzwaren der Alten und Neuen Welt zusammen und da fast jeder Besucher, der etwas zum Verkauf bringt, auch wieder Andres mitnimmt, so gestaltet sich das Geschäft wie ein großartiger, nur hier möglicher Tauschhandel. Es finden sich da einige Tausend Geschäftsleute aus Deutschland, Nordamerika, England, Frankreich, Italien, der Schweiz, Holland, Schweden, Dänemark, Rußland, Ungarn, der Tartarei, Griechenland und der Wallachei lediglich um des Pelzhandels willen zusammen. In beiden Messen ist das Sortiment dasselbe, nur die deutschen Wildwaren aus jedem Winter sind meistens schon in der Ostermesse abgesetzt.

Die Amerikaner kaufen von den Deutschen hauptsächlich zubereitetes Feh, Marder, Iltis, polnische Kaninchen, von den Franzosen gefärbte Kaninchen, von den Russen Hermeline, Nörze und weiße Hasen. Engländer kaufen rohes Fell, Hermelin, persische Lammfelle, Marder, polnische Kaninchen und in letzter Zeit auch amerikanische Waren. Franzosen und Italiener entnehmen bereitetes Feh, Hermelin, persische und astrachaner Lammfelle, polnische Kaninchen, russische und amerikanische Zobel, Chinchillas etc., Russen und Polen deutsche und nordische Füchse, Marder, Otter, Waschbären, Bären, virginische Iltis, Skunks, Biber, Seeotter, Zobel, Chinchillas, Luchse, Bisam, Pelzseehunde, Kaninchen. Die Griechen und Wallachen brauchen für ihre Nationaltrachten hauptsächlich Füchse, deutsche und amerikanische rote, russische und amerikanische weiße, dann Luchse, Zobel, Nörze, Wölfe, schwarze Katzen, französische Kaninchen etc. Die Deutschen entnehmen fast alle Pelzarten zum innern Konsum und zum Handel mit dem Auslande.

Leipzig ist auch außer den Messen wichtig und ein ständiger Markt für R. geworden, wo die bedeutendsten fremden Handelshäuser Kommanditen halten. Der Grossohändler im Fache überhaupt sind merkwürdig wenige, aber um so bedeutendere. Die große Menge sibirischer und russischer Pelzwaren gehört kaum 30 Eigentümern, das noch viel größere Quantum amerikanischer Waren kaum 15 Kaufleuten. Nach Veranschlagung des bedeutendsten Industriellen Leipzigs in diesem Fache, des Herrn Heinr. Lomer, stellt sich die durchschnittliche jährliche Zufuhr an diesem Platze wie folgt:

^[Liste]

Amerikanische Rauchwaren 7867500 Mk.

Mitteleuropäische 6381000 Mk.

Russische und asiatische 4146000 Mk.

: 18294500 Mk.

Diese bedeutenden Zugänge haben teils, als Meßgüter, in Leipzig nur einen momentanen Aufenthalt, teils kommen sie auf Lager, und es ist die Annahme kaum zu hoch gegriffen, daß die Lagerbestände Leipzigs im Durchschnitt immer 36 Mill. Mk. Wert ausmachen. Diese Angaben stammen aus dem Jahre 1864. Seitdem hat sich der Rauchwarenhandel aber noch vergrößert, sodaß die jährliche Zufuhr nach Leipzig mit 30 Mill. Mk. vermutlich eher zu niedrig als zu hoch gegriffen ist. Nach einer im Jahre 1879 infolge der gefürchteten Zollbeschwerung vorgenommenen Enquête deutscher Rauchwarenhändler belief sich der jährliche Umsatz aus erster Hand in Deutschland auf ca. 40 Mill. Mk., wovon 68% in das Ausland abgesetzt wurden. -

Es gibt thatsächlich keinen zweiten Wertartikel, welcher so durchgreifend wie das Pelzwerk alle Völker der nördlichen Erdhälfte, auf welcher Kulturstufe sie auch stehen mögen, zu einander in Geschäftsbeziehungen setzte; diese Beziehungen sind, was die Alte Welt anlangt, auch schon uralt, denn nicht nur unsre Vorfahren im Mittelalter bezogen viel Pelzwerk von den Russen, sondern schon die alten Griechen und Römer schöpften aus denselben nordischen Quellen und erhandelten von Skythen und andern, jetzt nicht mehr genannten, Völkern Luxuspelzwerk. Je weitere Handelsreisen ein Pelzwerk macht, um so deutlicher charakterisiert es sich als Luxusware.

Luxus und Mode sind aber von jeher die Triebfedern gewesen, welche den Rauchwarenhandel in seinen weitgezogenen Kreisen im Gange erhielten. In der Regel war eine R. um so beliebter, aus je weiterer Ferne sie herkam. In unsern Zeiten, wo Wohlstand und Luxus beständig zunehmen und die Bevölkerungszahlen wachsen, hat sich die Menge der Verbraucher von Pelzwerk und daher die merkantile Wichtigkeit dieser Warengattung noch bedeutend gesteigert und demgemäß auch die Menge der an den Markt gebrachten Waren, bei denen so oft eine Abnahme durch Erschöpfung befürchtet wurde. Allerdings sind die Erträgnisse der verschiednen Jahre durch Nahrungs- und Witterungsverhältnisse sehr schwankend und im allgemeinen mögen die Pelzjagden wohl schwieriger und mühevoller geworden sein; thatsächlich aber ist die Zunahme der Warenmengen, die sich zum Teil allerdings durch das Hinzukommen verschiedner neuer, früher nicht am Markte gewesener, Sorten erklärt, wie Stinktier, Bisam,