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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Die Malerei des 16. Jahrhunderts

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Die Malerei des 16. Jahrhunderts.

später arbeitete er als Gehilfe Giorgiones an den Wandmalereien des Fondaco dei Tedeschi. Mit selbständigen Arbeiten scheint er erst nach 1505 hervorgetreten zu sein; aus dieser Frühzeit stammte der "Zinsgroschen" (1508) und das unter der Bezeichnung "Himmlische und irdische Liebe" bekannte Bild, welche beiden Werke bereits den Künstler auf einer Höhe zeigen, die ihn allen Zeitgenossen ebenbürtig erscheinen läßt. Der Christuskopf im Zinsgroschen ist voll jener erhabenen Würde, welche dem Heiland zukommt und in den Zügen prägt sich der Gedanke, welcher dem Vorgang zu Grunde liegt - die geistige Ueberlegenheit mit welcher die verfängliche Frage der Pharisäer erledigt wird - mit "greifbarer" Deutlichkeit aus.

Liegt in diesem Gemälde noch der Schwerpunkt in dem Ausdruck des Gedankens und in der Kennzeichnung der Eigenart der handelnden Personen, so zeigt sich in dem anderen Bilde Tizian schon auf der Bahn, welche seiner eigentlichen künstlerischen Natur am vollsten entsprach. Das Gemälde soll wahrscheinlich die "Bekehrung einer Jungfrau zur Liebe" darstellen, doch was immer der Inhalt sein mag, das Malerische des Ganzen an sich läßt die Frage nach der Bedeutung des Vorganges garnicht aufkommen. Dem Meister handelte es sich offenbar auch nicht um das "Was", sondern um das "Wie" der Darstellung, er will einfach "Schönheit" zur sinnfälligen Erscheinung bringen, und zwar nicht nur die des Weibes, also des "Menschlichen", sondern auch jene der Natur. Die Lebenstreue ist hierbei ebenso vollkommen, wie andererseits das dem Geiste des Künstlers vorschwebende "Urbild" der Schönheit zum Ausdruck gelangt. "Verklärte Menschlichkeit" könnte man es nennen. Die Gestalten befinden sich in einer landschaftlichen Umgebung, welche mit ihrer feinen Stimmung deren Reiz noch erhöht, und dieser wunderbare Einklang ist es vor allem, welcher die tiefste Wirkung auf den Beschauer ausübt. Die ernsten, dunklen Farbentöne der bekleideten Dame, die lebenswarme Glut des nackten Körpers und die dämmerigen Lichter der Landschaft erschöpfen die ganze Stufenleiter der Farbe, und ihre Gegensätze löst der Meister in einen malerischen Einklang vollkommen auf.

^[Abb.: Fig. 545. Giorgione: Ländliches Concert.

Paris. Louvre.]