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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts

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Die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts.

Wirklichkeitstreue an. Er stand aber auf dem Boden der Natur und zwar der heimatlichen, er sah sie mit den Augen seiner Einbildungskraft, welche die einfachen Grundzüge herausfand und in das Große erhob. Die Pracht der sinnlichen Welt, das ursprüngliche, kraftstrotzende Leben giebt er mit einer Wahrheit und einem tiefen Empfinden wieder, welche den Beschauer hinreißen. Seine Gestalten sind im besten Sinne des Wortes "gesunde Menschen", mit heißem Blut und starken Sinnen, aber auch kräftigen Geistes und lebendigen Gemütes; nirgends ein Uebermaß, Ueberfeinerung oder Ueberschwänglichkeit, sondern stets das ruhige Ebenmaß reiner Menschlichkeit. Sein Urbild der Schönheit gestaltet er sich, indem er nicht die sinnliche Erscheinung verklärt, sondern sie in reinster und stärkster Form zum Ausdruck bringt.

Alle "Fächer" der Malerei beherrschte Rubens mit gleicher Meisterschaft, weil sein Geist eben die ganze Natur erfaßte. Er schuf Bilder von höchster religiöser Weihe, schilderte Vorgänge aus der Geschichte und der Sagenwelt, gab Ebenbildnisse ebenso meisterlich wieder wie den Reiz der Landschaft und der Tierwelt. Deshalb hat er auch so befruchtend auf die Kunst seiner und der Folgezeit gewirkt, weil er nach allen Richtungen hin Anregungen und Vorbildliches gab, Jeder das seiner besonderen Art Zusagende daraus entnehmen konnte. Darin liegt auch der Grund, daß er auf die anderen nicht so erdrückend wirkte, daß sie alle Selbständigkeit verlieren und in "einseitige Manier" verfallen mußten. Seine allumfassende Vielseitigkeit, die seine Größe ausmachte, war unnachahmlich, im einzelnen aber konnten die Nachfolger immerhin noch über ihn hinausgehen. Er war ein Lehrer, der das Endziel wies und das Muster gab, aber nicht einen bestimmten Weg vorschrieb.

Ein Ueberblick über die schöpferische Thätigkeit des Meisters läßt sich vielleicht am leichtesten gewinnen, wenn ich kurz die Hauptwerke in den verschiedenen "Fächern" erwähne. Seinen Ruhm in der Heimat hatte er vornehmlich durch die großartige "Kreuzabnahme" für die Hauptkirche in Antwerpen begründet; und auch in der nächsten Folgezeit nahmen religiöse Bilder seine Kraft in erster Linie in Anspruch. Die für die Jesuitenkirche in Antwerpen gemalten Bilder, von denen oben gesprochen wurde, sind leider bis auf drei durch einen Brand im Jahre 1718 zerstört worden. Eines der vorzüglichsten Meisterwerke ist der sogenannte Ildefonso-Altar, den Rubens bald nach 1611 im Auftrage des Erzherzogs Albrecht für die Hofpfarrkirche in Brüssel gemalt hatte, jetzt in der Wiener kaiserlichen Gemäldesammlung (Fig. 680). Das Mittelbild stellt das Wunder dar, wie der heilige Ildefonso, Erzbischof von Toledo, von der Himmelskönigin als Belohnung für seine eifrige Verteidigung ein kostbares Meßgewand empfängt. Auf den beiden Flügeln befinden sich die Bildnisse des Erzherzogs Albrecht und der Infantin Isabella mit den Heiligen Albert und Klara. Maria ist von heiligen Jungfrauen umgeben, in den Lüften schweben Engel. Diese umflutet

^[Abb.: Fig. 684. van Dyck: Bildnis seiner Gemahlin Maria Ruthwen.

München, Pinakothek.]