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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Gräfe

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Gräfe.

lichen Leistungen, in den letztern freilich ab und zu zur Modemalerei hinneigend. 1868-70 malte er in der Aula der Universität zu Königsberg die Freskobilder der Jurisprudenz (Solon), der bildenden Kunst (Pheidias) u. der Beredsamkeit (Demosthenes). 1879 sandte er auf die Berliner Ausstellung die Felicia, eine auf schwellendem Lager ruhende, unbekleidete weibliche Gestalt, mit welcher er auf einen seinem Talent nicht zusagenden Abweg geriet, den er in dem "Märchen" (1880) noch weiter verfolgte, und der ihn schließlich in Verwickelungen mit der Justiz brachte. Er ist königlicher Professor und besitzt die kleine Medaille der Berliner Kunstausstellung.

Gräfe, 1) Karl Ferdinand von, Mediziner, geb. 8. März 1787 zu Warschau, studierte in Halle und Leipzig, promovierte an letzterer Universität mit einer Dissertation, die er ausführlicher unter dem Titel: "Angiektasie, ein Beitrag zur rationellen Kur und Kenntnis der Gefäßausdehnungen" (Leipz. 1808) herausgab, ward 1807 als Leibarzt des Herzogs von Anhalt-Bernburg nach Ballenstedt berufen, ging 1811 als Professor der Chirurgie und Direktor des chirurgischen Klinikums nach Berlin, erhielt 1813 die Administration der Militärheilanstalten Berlins, dann die Inspektion des Lazarettwesens zwischen der Weichsel und Weser übertragen und organisierte 1815 das Lazarettwesen zwischen Weser und Rhein sowie im Großherzogtum Niederrhein und in den Niederlanden. Nach beendigtem Krieg trat er wieder als Professor ein, wurde zugleich Generalstabsarzt der Armee und Mitdirektor des Friedrich-Wilhelms-Instituts und der medizinisch-chirurgischen Akademie und begründete die königliche chirurgische Klinik und Poliklinik in Berlin. G. zählt zu den bedeutendsten Förderern der deutschen Chirurgie. Er kultivierte auch die in Deutschland bis dahin noch nicht geübten plastischen Operationen: 1816 bildete er mit Glück eine Nase aus der Armhaut und 1817 aus der Stirnhaut; eine der dabei üblichen Operationsmethoden wird noch jetzt allgemein als die "Gräfesche" oder "deutsche" Methode bezeichnet. Auch bildete er die Methode der Gaumennaht aus und vervollkommte die Technik derselben. G. starb 4. Juli 1840 in Hannover. Er schrieb: "Die Kunst, sich vor Ansteckung bei Epidemien zu sichern" (Berl. 1814); "Normen für die Ablösung großer Gliedmaßen" (das. 1812); "Rhinoplastik" (das. 1818); "Neue Beiträge zur Kunst, Teile des Angesichts organisch zu ersetzen" (das. 1821); "Die epidemisch-kontagiöse Augenblennorrhöe Ägyptens in den europäischen Befreiungsheeren" (das. 1824, mit Kupfern); "Jahresberichte über das klinisch-chirurgisch-augenärztliche Institut der Universität zu Berlin" (das. 1817-34). Mit Ph. v. Walther redigierte er seit 1820 das "Journal für Chirurgie und Augenheilkunde". Vgl. Michaelis, K. F. v. G. in seinem 30jährigen Wirken für Staat und Wissenschaft (Berl. 1840).

2) Heinrich, Pädagog, geb. 3. März 1802 zu Buttstädt im Weimarischen, studierte zu Jena Mathematik, dann Theologie und ward daselbst 1825 Rektor der Bürgerschule. Durch mehrere Schriften, namentlich "Das Schulrecht", die Zeitschrift "Die deutsche Schule", welche, in Österreich und Preußen verboten, nach zwei Jahren wieder aufhören mußte, und "Die Schulreform mit besonderer Beziehung auf das Königreich Sachsen" (Leipz. 1834), bekannt geworden, wurde er im J. 1840 außerordentlicher Professor der Pädagogik an der Universität und 1842 als Rektor der Bürgerschule nach Kassel berufen, wo er später als Direktor die von ihm eingerichtete Realschule leitete. 1848 und in den folgenden Jahren entfaltete G. als Vertrauensmann der kurhessischen Volksschullehrer, als liberaler Abgeordneter und als Mitglied der Oberschulkommission rege Thätigkeit im öffentlichen Leben, wurde aber unter Hassenpflug wegen seiner Schrift "Der Verfassungskampf in Kurhessen" (Leipz. 1851) nach langer Untersuchung 19. Febr. 1852 kriegsgerichtlich zu dreijähriger, später auf ein Jahr ermäßigter Festungsstrafe verurteilt. Darauf begab er sich in die Schweiz, gründete in Genf eine Lehr- und Erziehungsanstalt und ward 1855 als Direktor der Gewerbeschule nach Bremen berufen, welcher er bis zu seinem Tod, 21. Juli 1868, vorstand. Seine wichtigern Schriften sind: "Das Rechtsverhältnis der Volksschule von innen und außen" (Quedlinb. 1829); "Allgemeine Pädagogik" (Leipz. 1845, 2 Bde.); "Die deutsche Volksschule nach der Gesamtheit ihrer Verhältnisse" (das. 1847, 2 Bde.; 3. Aufl. von Schumann, Jena 1877-79, 3 Bde.); "Handbuch der Naturgeschichte der drei Reiche" (mit Naumann, das. 1838); "Archiv für das praktische Volksschulwesen" (Jena u. Eisl. 1828-35, 8 Bde.).

3) Albrecht von, Mediziner, Sohn von G. 1), geboren im Mai 1828 zu Berlin, zeigte früh ausgezeichnete Anlagen zur Mathematik und gedachte sich für diese Wissenschaft auszubilden, wandte sich aber später den Naturwissenschaften und der Medizin zu. Nachdem er 1848 sein Staatsexamen absolviert hatte, besuchte er zu seiner weitern Ausbildung Prag, Wien, Paris, London, Dublin und Edinburg und wurde durch den vertrauten Umgang mit den ersten Augenärzten jener Zeit für die Augenheilkunde gewonnen. Zu Anfang der 50er Jahre begann er in Berlin seine praktische Laufbahn. Er gründete daselbst, begünstigt durch die reichen Mittel, welche ihm zu Gebote standen, zunächst eine Privataugenheilanstalt, welche das Vorbild für eine große Reihe ähnlicher Institute in Deutschland und der Schweiz wurde. Im J. 1858 zum außerordentlichen Professor ernannt, erhielt er bald darauf eine Abteilung für Augenkranke in der königlichen Charitee zugewiesen; 1866 wurde er ordentlicher Professor. Er starb 20. Juli 1870. Mit sich fortreißend als Lehrer, unübertroffen als scharfer Beobachter, unermüdlich und energisch im Handeln als Arzt, erwarb er sich bald einen über die Grenzen Europas hinausreichenden Ruf, und in überraschend kurzer Zeit erhob er die Augenheilkunde, indem er namentlich auch der Helmholtzschen Erfindung des Augenspiegels sich bemächtigte, zu der exaktesten und vollendetsten Disziplin der gesamten Medizin. Er operierte zuerst den bis dahin unheilbaren grünen Star mit Erfolg und erfand eine neue Operationsmethode des grauen Stars (sogen. peripherer Linearschnitt im Gegensatz zu dem frühern Lappenschnitt), durch welche die Gefährlichkeit des frühern Verfahrens so weit beseitigt wird, daß 94-96 Proz. aller Operierten ein gutes Sehvermögen wiedererlangen. G. war ein durchaus allseitiger Mediziner und besonders auch auf dem Gebiet der Nerven- und Gehirnkrankheiten Autorität, so daß z. B. selbst von Romberg in schwierigen Fällen auf sein Urteil hohes Gewicht gelegt wurde. Gräfes überaus zahlreiche, wahrhaft klassische Arbeiten auf dem Gebiet der Augenheilkunde sind fast alle in dem von ihm gegründeten, in Gemeinschaft mit Arlt und Donders herausgegebenen "Archiv für Ophthalmologie" erschienen. Vgl. Alfr. Gräfe, Ein Wort zur Erinnerung an A. v. G. (Halle 1870); Michaelis, A. v. G., sein Leben und Wirken (Berl. 1877); Jacobson, A. v. Gräfes Verdienste um die neue Ophthalmolo-^[folgende Seite]