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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Locke

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Locke (John).

beobachtung bemerkte, daß ihr zwar nicht, wie der Sensation, ein Sinn zu Grunde liege, daß sie aber gleichwohl viel Ähnlichkeit mit der Sinneswahrnehmung habe und daher als innerer Sinn bezeichnet werden könne, wurde er Urheber der bis auf die Gegenwart von vielen Psychologen, namentlich auch von Kant, festgehaltenen (fälschlichen) Ausdrucksweise, nach welcher der innere Sinn als Organ des Selbstbewußtseins dem äußern entgegengesetzt und auf ihn die Wahrnehmung unsrer eignen Seelenzustände, auf den äußern aber die Wahrnehmung der körperlichen Gegenstände und leiblichen Zustände zurückgeführt wird. Die Vorstellungen sind nach L. entweder einfache oder zusammengesetzte; jene sind keiner Erklärung bedürftig und fähig, die Entstehung der letztern führt L. auf Denken und Wollen zurück. Die für uns vorstellbaren Eigenschaften der Körper teilt er in drei Klassen: 1) die ursprünglichen, ersten oder realen Eigenschaften, welche als unzertrennlich von den Körpern in jedem wahrnehmbaren Teil der Materie gefunden werden, wie Ausdehnung, Größe, Zusammensetzung, Dichtheit, Gestalt, Zahl, Lage, Bewegung und Ruhe; 2) die sekundären oder sinnlichen, denen an den Körpern selbst nichts andres zu Grunde liegt als das Vermögen, vermittelst der Größe, Gestalt, Verbindung und Bewegung ihrer kleinsten, für sich nicht wahrnehmbaren Teile verschiedene Sinneswahrnehmungen, z. B. die Empfindungen der Farben oder Töne, in uns hervorzurufen; 3) die "Kräfte", d. h. jene Eigenschaften, welche gleichfalls als bloße Vermögen sich darin äußern, daß ein Körper auf Grund der besondern Beschaffenheit seiner Eigenschaften in denen eines andern Körpers Veränderungen hervorzubringen vermag, so daß dieser nunmehr unsre Sinne anders anregt als vorher. Bei der Aufnahme der einfachen Vorstellungen verhält das Erkenntnisvermögen sich leidend und vermag keine derselben willkürlich in sich zu erzeugen. Dagegen übt es an ihnen verschiedene Funktionen seiner Selbstthätigkeit aus, insofern es in ihnen die Grundlagen (Materialien) zu neuen Vorstellungen findet. Namentlich sind es die Thätigkeiten der Zusammensetzung, der Vergleichung und der Abstraktion, wodurch das Erkenntnisvermögen seine Macht in der Behandlung und Verarbeitung der einfachen Vorstellungen darthut. Die durch Zusammensetzung entstehenden Begriffe lassen sich in drei Klassen ordnen, insofern sie entweder innere Merkmale der Dinge, oder Verhältnismerkmale, oder Substanzbegriffe sind. Das Erkennen definiert L. als die Wahrnehmung teils der Übereinstimmung und der Verbindung, teils der Getrenntheit und des Widerstreits zwischen unsern Vorstellungen. Nach den Abstufungen der Zuverlässigkeit der Erkenntnis gibt es drei Arten derselben: die anschauliche oder intuitive, bei welcher wir die Übereinstimmung oder die Unvereinbarkeit gegebener Vorstellungen unmittelbar durch das Verständnis ihres Inhalts ohne Dazwischenkunft einer andern Vorstellung einzusehen vermögen; die durch den Schluß vermittelte oder demonstrative, wobei wir hierzu der Vermittelung andrer Vorstellungen bedürfen; die sinnliche, welche die Existenz endlicher Wesen außer uns zum Gegenstand hat, der man aber den Namen einer Erkenntnis nur deshalb beilegt, weil sie mehr als bloße Wahrscheinlichkeit bietet, ohne die eben genannten beiden Stufen der Zuverlässigkeit zu erreichen. Auf den Zweifel, ob unsern Vorstellungen die Existenz realer Dinge wirklich entspreche, läßt sich nur erwidern, daß wir die Beziehung gewisser Gegenstände, deren Dasein wir entweder mit den Sinnen wahrnehmen, oder wahrzunehmen glauben, auf uns unleugbar bemerken, vornehmlich indem wir erfahren, daß sie für uns entweder von Vergnügen oder von Schmerz begleitet werden, daß aber unser Erkennen sich keineswegs über die gesamte Wirklichkeit der Dinge, ja nicht einmal über den Umfang unsrer eignen Wahrnehmungen erstreckt. Namentlich ist hinsichtlich der Koexistenz und des Verbundenseins der Vorstellungen unsre Erkenntnis sehr beschränkt. So sind uns die Grundursachen der sinnlichen Eigenschaften der Körper wie auch die Notwendigkeit des Zusammenhangs zwischen den ursprünglichen und den abgeleiteten Beschaffenheiten unbekannt. Noch weit mehr sind die geistigen Substanzen unsrer Erkenntnis entzogen, denn wir erlangen von ihnen auf natürlichem Wege keine andern Vorstellungen als diejenigen, welche wir durch Reflexion über die wahrnehmbaren Thätigkeiten unsrer eignen Seele gewinnen, und es läßt sich demnach schon auf die Frage, ob die Seele materiell oder immateriell sei, keine entscheidende Antwort geben. Von unserm eignen Dasein besitzen wir eine intuitive, von Gottes Dasein eine demonstrative, von dem Dasein aller übrigen Dinge eine sinnliche Erkenntnis, welch letztere aber nicht über den Wahrnehmungskreis der Sinne hinausreicht. Da alle menschliche Erkenntnis die Gegenstände nicht unmittelbar, sondern nur unter der Vermittelung von Vorstellungen erfaßt, so kommt ihr auch bloß insoweit Realität zu, als Übereinstimmung zwischen unsern Vorstellungen und der Wirklichkeit der Dinge stattfindet. Letztere dürfen wir insofern mit Gewißheit annehmen, als die einfachen Vorstellungen, weil sie der Verstand nicht selbst zu erzeugen vermag, notwendig das Produkt von Dingen sein müssen, welche eine natürliche Einwirkung auf unsre Seele ausüben, sodann insofern, als die zur Realität der Erkenntnis erforderliche Übereinstimmung keinem unsrer zusammengesetzten Begriffe (mit Ausnahme der Vorstellungen von den Substanzen) fehlen kann, da die übrigen insgesamt nicht Kopien existierender Dinge, sondern von dem Verstand selbst gebildete Originale sind und wir bei allem unsern Denken, Schließen und Untersuchen die Dinge nur insoweit in Anspruch nehmen, als sie ihrerseits solchen Begriffen entsprechen. Hierher gehören z. B. die mathematischen Begriffe. Die Wahrheit in der eigentlichen Bedeutung dieses Wortes ist eine Verbindung und Trennung von Zeichen, welche dem gegenseitigen Verhältnis der bezeichneten Dinge gemäß erfolgt. Da nun das Urteilen in dem Verbinden und Trennen der Zeichen besteht, so betrifft die Wahrheit nur unsre Urteile. Alle Erkenntnis besteht teils aus besondern, teils aus allgemeinen Wahrheiten. Die letztern können nur gehörig mitgeteilt und gefaßt werden, wenn sie in Sätzen ausgesprochen sind, denn bloß in unsern durch allgemeine Sätze bezeichneten Vorstellungen ist die Gewißheit des Allgemeinen zu finden; suchen wir dieselbe außer uns mit Hilfe unsrer Wahrnehmungen, so gelangen wir lediglich zur Erkenntnis des Besondern. Da der Verstand dem Menschen nicht nur zu einem theoretischen, sondern auch zu einem praktischen Gebrauch, nämlich zur vernunftgemäßen Lebensführung, verliehen ist, so würden wir übel daran sein, wenn uns für diesen letztern Behuf lediglich die Gewißheit wahrer Erkenntnis von Nutzen sein könnte. Denn bei der Beschränktheit derselben würden wir uns in betreff der meisten Handlungen im unklaren befinden, wenn wir nichts hätten, was uns in Ermangelung einer klaren und zuverlässigen Erkenntnis für die praktischen