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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Realismus - Reallasten
verkaufen (R. durch Verkauf). Wer in der Hoff-
nung auf Gewinn durch Fallen des Preifes ver-
kauft, schließt das Spekulationsgeschäft durch einen
Verkauf in der Absicht zu kaufen (R. durch spätern
Kauf). Abgeschlossen wird die Spekulation schon
durch den Abschluß des R., nicht erst durch dessen
Erfüllung. Das R. kann Kasse- oder Zeitgeschäft
sein. Es kann mit Gewinn und, wenn die Speku-
lation fehlschlägt, mit Verlust realisiert werden. Im
Börsenhandel, in welchem diese Ausdrücke besonders
üblich sind, bleibt, wenn der Spekulant ein Zeit-
geschäft geschlossen hat, das R. häufig ohne effektive
Lieferung, weil entweder direkt zwischen Verkäufer
und Käufer oder unter den verschiedenen Verkäufern
und Käufern durch Vermittelung der Liquidations-
kasfe (s. d.) aufgerechnet wird. Ein von vornherein
in der dem Gegenkontrahenten erkennbaren Absicht,
auf diese Weise unter Ausschluß effektiver Lieferung
zu realisieren, geschlossenes Spekulationsgeschüft
unterfcheidet sich kaum noch von dem reinen Differenz-
geschäft (s. d.).
Realismus, eine Bezeichnung, die, als Gegen-
satz des Idealismus, an allen Schwankungen, denen
die Bedeutung des letztern Ausdrucks unterliegt,
teilnimmt. Am gewöhnlichsten bezeichnet es den,
sei es naiven oder auf Erkenntnistheorie gestützten
Glauben an eine von unsern Gedanken und Vor-
stellungen unabhängige Wirklichkeit (Realität) der
Dinge. In diesem Sinne nennt z. V. Herbart seine
Philosophie R., sofern sie ein an sich Reales (seine
einfachen Wesen) behauptet und der Erklärung der
Erscheinungen zu Grunde legt. In weiterm Sinne
heißt R. überhaupt die Richtung auf die gegebene
Wirklichkeit, mit Ablehnung von Ideen oder Idea-
len, die über dieselbe wesentlich hinausgehen; so
auch in der Kunst die Richtung, welche eine höhere
Aufgabe als den möglichst genauen Anschluß an
die Naturwahrheit nicht gelten läßt. (S. auch Natu-
ralismus.) Eine ganz andere Bedeutung hat der R.
als Bezeichnung einer mächtigen Richtimg in der
scholastischen Philosophie; hier bedeutet N., im Ge-
gensatz zum Nominalismus, die Ausicht, daß das
Allgemeine in den Dingen, nicht in der bloßen Be-
nennung liegt. Vgl. Bender-Krieglstein, R. und
Naturalismus in der Dichtung (Lpz. 1892). -
Über biblischen R. s. Vengel, Joh. Albrecht.
Realist, Anhänger des Realismus (s. d.).
Realität, die Eigenschaft, real (s. d.) zu sein;
daher empirische R., aber transcendentale Idealität
des Raums und der Zeit. R. als Kategorie bedeutet
bei Kant, der logischen Bejahung entsprechend, das,
was am Gegenstande der Erfahrung der Empfin-
dung entspricht, oder was ein Etwas im Raume
und in der Zeit von den bloß ideellen Relationen
des Raums und der Zeit sckbst unterscheidet.
Il.S2.1itsr (lat.), wirklich, in der That; realiter
citieren, vor Gericht holen lassen.
Realkatalog, f. Bibliothekswissenschaft (Bd. 2,
S. 971d).
Realkonkordanz, s. Konkordanz.
Realkonkurrenz, strafrechtlich im Gegensatze
zur Idealkonkurrenz (s.d.) der Fall, wo jemand durch
mehrere selbständige Handlungen dasselbe Delikt
mehrmals (z. B. mehrere Diebstähle), oder wo er
mehrere Delikte verschiedener Art begangen hat (z.V.
zuerst einen Dicbstahl, dann einen Betrug). Wenn
diese Fälle gleichzeitig zur Aburteilung kommen oder
doch gleichzeitig zur Aburteilung hätten gebracht wer-
den können, so mühte nach allgemeinen strafrecht-
lichen Grundsätzen für jedes Delikt die ordentliche
Strafe festgesetzt und die Summe dieser Einzelstrafen
müßte zur Vollstreckung gebracht werden. Das führt
zu Härten. Das Gefetz (Deutsches Strafgesetzbuch
§. 74) verordnet deshalb, es soll auf eine Gesamt-
strafe erkannt werden, welche in einer Erhöhung
der verwirkten schwersten Strafe besteht; das Maß
der Gesamtstrafen darf den Betrag der ermittel-
ten Einzelstrafen nicht erreichen und 15jähriges
Zuchthaus, lOjähriges Gefängnis oder 15jährige
Festungshaft nicht übersteigen. Das Princip der
Gesamtstrafe findet aber nicht überall Anwendung;
vielmehr ist u. a. gesondert jede Einzelstrafe fest-
zusetzen, wenn es sich um Haft oder um Geldstrafe
handelt. Das Österr. Strafgesetzbuch s§. 34) schreibt
vor, daß im Falle der R. nach dem Verbrechen ge-
straft werden foll, auf das die schärfere Strafe gesetzt
ist, jedoch mit Bedacht auf die übrigen Verbrechen.
Realkontrakt, s. ^oiiti-acws.
Realkredit, im Unterschied von Personalkredit
ein solcher Kredit, bei welchem der Gläubiger eine
bestimmte dingliche (pfandrechtliche) Sicherstellung
erhält, deren Bedeutung sich insbesondere dann gel-
tend macht, wenn der Schuldner den vertragsmäßi-
gen Termin zur Zahlung des erborgten Kapitals
oder der Zins- und Tilgungsrate nicht innehält.
Der R. ist entweder Immobiliar- (Grund-)
oder Mobiliarkredit. Im erstern Falle wird
dem Gläubiger unbewegliches Eigentum seitens des
Schuldners als Unterpfand bestellt, was derzeit
mittels Eintragung in ein Hypotheken- oder Grund-
buch geschieht. Das weitere ist durch die Hypotheken-
gesetzgebung geregelt. (S.Hypothek.) Der Mobiliar-
kredit hat als Grundlage ein bewegliches Wertobjekt,
das dem Gläubiger als Faustpfand wirklich über-
geben wird. Dasselbe kann aus Waren oder aus
Wertpapieren, Edelmetallbarren u. s. w. bestehen.
(S. Lombardgeschäft.) Der Mobiliarkredit dient,
sofern er einen produktiven Charakter besitzt, haupt-
sächlich zur Erleichterung der Bewegung des um-
laufenden Kapitals der kaufmännischen und indu-
striellen Unternehmer. In der Landwirtschaft hat
er bis jetzt nur geringe Anwendung gefunden, weil
es noch an einer genügenden Organisation dieser
Seite des Landwirtschaftlichen Kredits (s. d.) fehlt.
Die Errichtung öffentlicher Lagerhäuser zur Auf-
bewahrung von Waren, die Ausbildung des War-
rantsystems und die Geneigtheit der großen Ban-
ken, wie verdeutschen und russ. Reichsbank, Roh-
waren (Getreide, Spiritus u. s. w.) zu beleihen,
kommt indessen neuerdings dem landwirtschaftlichen
Mobiliarkredit sehr zu statten.
Reallasten ode^r Grundlasten erzeugen für
den jeweiligen Eigentümer des belasteten Grund-
stückes die Verpflichtung zu wiederkehrenden Leistun-
gen an den Berechtigten, welcher zuweilen durch das
Eigentum eines andern Grundstückes bestimmt wird
(subjektiv dingliche Grundlasten). Dem röm. Rechte
ist das Institut unbekannt. Vornehmlich waren es
die Rechte der Gutsherrschaft, der Gerichts-
herrschaft, der Vogteiherrschaft, der Kirche
in ihrer Hoheit über die zu dem Kirchenfprengel ge-
hörenden Personen, welche den bäuerlichen Besitz mit
Zins-, Dienst-und Zehntpsiichten belasteten. Daneben
entwickelten sich in dem Renten kaufe und in dem
Leibgcdinge rein privatrechtliche Institute, welche
den Boden in ähnlicher Weise belasteten.
Die auf der Grundherrfchaft des Adels und der
Kirche beruhenden R., insbesondere die Fronen (s< d.).