Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

129
Urkundenvernichtung - Urnen
Grund des Urteils Geleisteten zu verurteilen. Im
II. erlassene Urteile sind auch ohne Antrag für vor-
läufig vollstreckbar zu erklären. Eine Unterart des
U. bildet der Wechselprozeß (s. d. und Summa-
rischer Prozeß). In der Osterr. Civilprozcßordnung
beißt dcr U. ^landateverfabren (§ij. 548 sq.).
Urtundenvernichtung. Wer eine Urkunde
(s. d.), die ihm entweder überbaupt nicht oder nicht
ausschließlich gehört, in dcr Absicht, einenl andern
Rachteile zuzufügen, vernichtet, beschädigt oder
unterdrückt (z. B. den Wechselprotest, den er sich vom
Gläubiger entliehen bat, um die Rechtzeitigkeit der
Protestaufnahme zu prüfen, diesem vorentdält),
wird nach Deutschem Strafgesetzbuch H. -271 mit Ge-
fängnis bis zu 5Iabren bestraft (Strafkammer)' da-
neben kann auf Geld bis zu 3000 M. und auf Ver-
lust der bürgerlichen Ebrenrechtc (ß. 280) erkannt
werden. Ist der Thäter Beamter, die Urknnden ibm
amtlich anvertraut oder zugänglich, ist die Strafe
wie bei der intellektuellen Urkundenfälschung (s. d.).
Urkundspersonen, Personen, welche vom
Staate bebufs Beurkundung der vor ibnen abgege-
benen Erklärungen oder sonst stattgehabten Vor-
gänge zu öffentlichem Glauben bestellt werden.
Urlaub, die Bewilliguug der zeitweiligen Be-
freiung von Dienstgeschäften. Der U. wird den
Beamten von der vorgesetzten Dienstbehörde erteilt.
,^um Eintritt in den Deutschen Reichstag bedür-
fen Staatsbeamte keines U.; ebenso wenig Landes-
beamte nach den meisten deutschen Verfassungen zum
Eintritt in den Landtag ihres Landes. Anders in
Sachsen, Schwarzburg-Sondershausen und Neuft
älterer Linie. Reichstags- und Landtagsmitglieder
bedürfen des U., wenn sie den Sitzungen nicht bei-
wobnen, doch giebt es keine Strafe für die Reichs-
lagsmitgliedcr, die U. nicht erbitten. Beim Mili-
tär wird der U. auf Aufuchen bewilligt oder nack
gesetzlichen Bestimmuugen einer gewissen Anzabl
von Mannschaften jedes Truppenkörpers erteilt.
Urläuter, soviel wie Degras (s. d.).
Urlichs, Ludw. von, Archäolog und Philolog,
geb. 9. Nov. 1813 zu Osnabrück, studierte in Bonn,
war seit 1835 einige Jahre Hauslehrer in der Fa-
milie des preuß. Gesandten Bunsen in Rom und
als Mitarbeiter an dcr Platnersckcn "Beschreibung
Roms" tbätig, wurde 1840 Privatdocent in Bonn,
1841 daselbst ausierord. Professor, 184? ord. Pro-
fessor in Greifswald, 1855 ord. Professor der klassi-
schen Pbilologic und Astbetik in Würzburg, wo er
aucd das von Wagnerschc Kunstinstitur leitete und
3. Nov. 1889 starb. Von 1848 bis 1852 war er
Mitglied des preuß. Abgeordnetenhauses sowie des
Erfurter Parlaments. Er veröffentlichte: "Cni-^-
t'muttliül. 1'Iiniaua" (Berl. 1857), "Skopas' Leben
und Werke" (Greifsw. 1863), "Vimliciao I'iinianae"
West 1, ebd. 1853; heft 2, Erlangen 1866), "Ehar-
lotte von Schiller und ihre Freunde^ (3 Bde., Stuttg.
1860-65), "(^oäkx I^'di8 I^oni^o topo^r^plncu^"
(Würzb. 1871), "Goethes Briefe an Johanna Fabl-
mer" (Lpz. 1875), "Briefe an Schiller" (Stuttg.
1877), "Beiträge zur Kunstgeschichte" (Lpz. 1885),
"Grundlegung und Gcfchichte der klafsischcn Alter-
tumswissenschaft" <in Iw. Müllers "Handbuch der
klassischen Altertnmswissensckaft", Nördl. 1886)
u. a. m. Auch gab er den Agricola des Tacitus
iWürzb. 1875) heraus und war Gründer und Heraus-
geber der Zeitschrift "Eos" (ebd. 1854 fg.). - Vgl.
Martin Hertz in den "Neuen Jahrbüchern für Pbilo-
logie und Pädagogik", 1890, 2. Abteil.
Vrockliaus' Konversations-Lexikou. 14. Aufl.. XVI.
Nrliste, die vom Vorsteher einer jeden Ge-
meinde alljährlich aufzustellende Liste der in der Ge-
meinde wohnbaften Personen, welche zum Schöffen-
öder Gefchworencndicnst berufen werden können.
Näberes f. Schöffengericht und Schwurgericht.
Urmaß, Urmaßstab, s. Normalmah und
Maßstab.
Nrmenfchen, Diluvialinenschen, Menschen
aus vorgeschichtlicher Zeit, kennt man bisher aus
verschiedenen Stufen des dilnvialen Schichtensystems
und von sehr zahlreichen Lokalitäten Europas, wo
entweder Skelcttrcste derselben fossil, oder nur son-
stige Beweise ibres einstigen Daseins, Geräte u.s. w.
sick gefuuden baben. Unter diesen Fundpunkten sind
mitteldiluvial die Süßwasserkalkbänke von Taubach
bei Weimar, manche engl.Höhlcnablagerungcn u. a.;
oberdiluvial, aus der jüngern Eiszeit sind die Men-
schenreste und -Spnren unter anderm ans dem Löß
von Predmost in Mäbren, aus dem Flußkies von St.
Ackeul bei Amiens, aus den Höhlen und Spalten von
Spv in Belgien, Neandertbal bei Düsseldorf, Balve
bei Iserlobn und aus den Schichten von Schussen-
ried am Bodensee. (S. auch 1)i')'0i)it1i"cu8, 5'on-
tani, Antbropologie und Urgeschichte.)
Nrmeristem, s. Ateristem.
Nrmiä oder Urümij ah, inl 9. und 10. Jahrh,
auch Urmija, Stadt 20kin westlich vom Urmiasee
(s. d.), die schönste in dcr pcrs. Provinz Aserbci-
dschan, Sik eines Gonverneurs, vom Ecbaher-tschai
! und künstlichen Wasseradern durchflofsen und von
Obstgärten umgeben, hat eine Ringmauer von Back-
! steinen, reinlicbe Straßen und 33 000 E., darunter
! 3l)000 nieist schiitiscbe Mohammedaner, 2000Juden
! und 600 nestorianische oder chaldäische Ehristen, die
^ einen eigenen Bischof haben. Der Hauptsitz einer
nordamerik. 'litission ist das 7 kin südwestlich uud
325 m über der Stadt gelegene Dorf ^e'l'r. In
alter ,^eit bieß U. ^I^dai-m^ (auch ^liklilli-inlw).
Nrmiasee, auch Derja - Schahi (d. h. Königs-
^ see), See von Maragha oder See von Tübris
! genannt, See in der pers. Provinz Aserbeidschan,
1230 m ü. d. M., südwestlich von Täbris gelegen,
ist 12<; I^m lang, 15 - 48 I<m breit und durch ge-
birgige Halbinseln unregelmäßig gestaltet. Der
See bedeclt 3676 tiliin, umschließt sechs größere In-
seln (im Süden), außerdem an 50 Eilande und
Klippen und hat nur geringe Tiefe. Wie der durch
eine bohe Gebirgskette von ihm geschiedene, nord-
westlich in Türkisch - Armenien gelegene Wansee,
zeichnet er sich durch Salzreichtum aus, und ist über-
! Haupt ein echter Steppensee. Abfluß hat er nicht,
! dagegen nimmt er auf allen Seiten Flüsse und Bäche
auf, besonders den Fluß von Täbris, Aoschi-tschai,
von NO. und den Dsckaghatu von S. Viele Stel-
! len seines Ufers überfchwemmt er bei Hockwasser
! und bildet dann namentlich am Ostufer salzige
! Sümpfe, die man ausbeutet. Der Wasserstand
schwankt, geht aber augenscheinlich zurück.
Urmija, s. Urmia.
Nrmutterzellen, s. Pollen.
^ Urna (lat.), ungar. Flüssigkeitsmaß, s. Eimer.
! Urnen (lat.), Gefäße von gebranntem Thon, die
, in präbistor. Grübern, gefüllt mit der Afche von To-
! ten, gefuuden werden. (S.PrähistorischeThongefäße.)
^ Sie sind teils noch mit der Hand gearbeitet, teils
schon aus der Töpferscheibe gedreht und gehören
sonach, wie die Gräber, sehr verschiedenen Zeiten
! vor und nach der christl. Zeitrechnung an. Verziert
! sind sie nieist noch sehr rob mit Punkten, kleinen
9